„Bezahlbarer Wohnraum ist riesiges Thema“
„Gäubote“-Weihnachtsaktion: Sozialdezernent Dusan Minic spricht über Armutsgefährdete und Lösungen.
Sozialdezernent Dusan Minic. GB-Foto: gb
Seit gut vier Jahren arbeitet Dusan Minic als Sozialdezernent beim Landratsamt Böblingen. Armut ist daher eines der Themen, mit denen der Politikwissenschaftler häufig zu tun hat. Der „Gäubote“ sprach mit Minic über die Situation im Kreis Böblingen und über mögliche Lösungsansätze.
„Wir sind eigentlich ein sehr reicher Landkreis, was sich oft in niedriger Arbeitslosigkeit und vielen gut bezahlten Arbeitsplätzen widerspiegelt“, stellt der Dezernent für Jugend und Soziales fest. Dennoch leben auch in der Region Menschen in Armut, und das teils für längere Zeit. „Im Moment müssen wir feststellen, dass sich durch die wirtschaftliche Lage die Situation von armutsgefährdeten Menschen als Erstes verschärft“, befürchtet Dusan Minic einen weiteren Anstieg der Zahlen von Empfängern von Transferleistungen.
Als Amtsleiter befindet sich der Arbeitsplatz des Sozialdezernenten im Landratsamt Böblingen auf demselben Stockwerk, auf dem auch Ratsuchende um Unterstützung bitten, Anträge abgeben oder mit Mitarbeitern über ihre Situation sprechen. Zudem schaut Minic sich gelegentlich Flüchtlingsunterkünfte vor Ort an. „Generell bin ich nicht täglich im Austausch mit Betroffenen“, stellt der Leiter des Amts für Jugend und Soziales selbstkritisch fest.
Dass der Armutsbericht von Baden-Württemberg nur alle zwei Jahre erscheine und die Zahlen nicht auf jeden Landkreis heruntergebrochen würden, sei bedauerlich, findet Minic, ist aber überzeugt, dass sich die Zahlen im Kreis Böblingen „nicht entscheidend von der Situation auf Landesebene unterscheiden“.
Um das Armutsrisiko für alleinerziehende Frauen mit mehreren Kindern und Teilzeitjob – die Hauptgefährdeten – zu senken, sieht Dusan Minic Bedarf an einer zuverlässigen Kinderbetreuung. „Das würde vielen Alleinerziehenden am allermeisten helfen, wenn sie wüssten, dass die Kinder gut betreut sind und sie eine Teilzeitstelle auch aufstocken können“, ist der Böblinger Sozialdezernent überzeugt. Man müsse nicht nur womöglich eine Diskussion über die sehr hohen Standards bei der Kinderbetreuung in Baden-Württemberg führen, sondern auch die Frage stellen, ob man Kindergartenplätze bei Knappheit eher alleinerziehenden Teilzeitbeschäftigten zur Verfügung stelle, regt Minic an.
Schwieriger sieht es hingegen aus, was die Unterstützung von Rentnern auf Kreisebene angeht. „Oft sind es die Personen, die schon während der Erwerbstätigkeit in einer prekären finanziellen Lage waren, die später von Altersarmut betroffen sind“, weiß der erfahrene Landratsamtsmitarbeiter. Deshalb gelte es, zu überlegen „wie wir es schaffen können, dass Menschen schon während der Berufstätigkeit anders vorsorgen können“.
Bei Geflüchteten dauere es – im Unterschied zu qualifizierten Menschen mit Migrationshintergrund und Arbeitsplatz – häufig erst eine Zeit lang, ehe diese fit genug für den Arbeitsmarkt seien. „Viele dieser Personen brauchen oft erst eine gewisse Qualifikation“, weiß Minic. Der Sozialdezernent ist jedoch der Meinung, dass bei der Integration die Vermittlung in Arbeit Vorrang haben müsse und der Spracherwerb möglichst parallel erfolgen müsse.
Ein Kernproblem in der Region seien die sehr hohen Lebenshaltungskosten im Landkreis Böblingen, weshalb die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, Mietobergrenzen und angemessene Mieten für Menschen mit weniger Geld so wichtig seien. „Das ist insgesamt ein riesengroßes Thema für armutsgefährdete Personen“, betont der Politikwissenschaftler. Alle Ebenen seien dafür gefordert, um gemeinsam Lösungen für die vielen Betroffenen zu finden.
Das angestrebte Projekt „BürgerWohnen“ als Genossenschaftsprojekt in der Nagolder Straße in Herrenberg sei ein Ansatz, den der Böblinger Kreistag unterstütze. „Wir können als Landratsamt nicht die Wohnungsnot im Landkreis auflösen, aber einen Beitrag dazu leisten, was möglich ist“, stellt Dusan Minic klar. Notwendig sei diesbezüglich jedoch ein Impuls auf breiter Front – und dieser müsse von der Bundes- oder der Landespolitik kommen.
Wir können als Landratsamt nicht die Wohnungsnot im Landkreis auflösen Dusan Minic
Sozialdezernent Dusan Minic. GB-Foto: gb