Den TV Altdorf aus der Versenkung geholt

Dietmar Brösamle zum Umgang mit den Spielern: „In der Kabine muss es stimmen“ GB-Foto (Archiv): Vecsey

Dietmar Brösamle zum Umgang mit den Spielern: „In der Kabine muss es stimmen“ GB-Foto (Archiv): Vecsey

40 Jahre reichen doch, oder nicht?“ Dietmar Brösamle sagt das mit einem Augenzwinkern. Und dennoch lässt ihn das Pflichtgefühl nicht los. Ein schlechtes Gewissen hat er zwar nicht, aber nach genau vier Jahrzehnten als Trainer im Kreis Böblingen fällt auch dem Personalratsvorsitzenden der Kreissparkasse Böblingen der Abschied vom Fußball nicht ganz so leicht. Vor allem, da Corona seine Trainerlaufbahn nun so abrupt beendet hat. „Schade, dass es so zu Ende geht“, blickt Brösamle zurück. „Aber ich habe schon immer gesagt, dass ich mit 60 nicht mehr an der Seitenlinie stehen will.“

Ein Jahr hätte sich der aus Hildrizhausen stammende Brösamle damit noch Zeit lassen können. Als bisheriger Coach des TV Altdorf war aber der Zeitpunkt zu günstig, um die Chance auf einen weichen Übergang verstreichen zu lassen. Alexander Ott übernimmt das Traineramt beim A-Ligisten. „Alex ist im dritten Jahr bei uns, war diese Saison mein Co-Trainer und kommt super bei den Spielern an“, ist Brösamle zufrieden mit der Nachfolgeregelung. Das Mehr an Freizeit will der ehemalige Kapitän des TSV Hildrizhausen in den Freundeskreis investieren. „Meine Freunde mussten sich bislang an mir ausrichten, das wird sich nun ändern“, freut sich Brösamle auf das Schwelgen in fußballerischen Erinnerungen. „Da sind einige ehemalige Kicker dabei, und wir alle schwärmen gemeinsam von früher.“

Diese Zeiten vermisst Dietmar Brösamle nicht nur aus qualitativer Sicht. Von 1979 bis 1994 war er maßgeblich am Aufstieg des TSV Hildrizhausen von der Kreisliga B bis in die Landesliga beteiligt. „Das war eine überragende Zeit“, erinnert er sich daran, wie aus der einst grauen Maus ein vielbeachteter Verein wurde. Unerschütterlich verbunden mit dem Aufstieg der Hausemer war Helmut „Mebus“ Hörrmann, der langjährige Vorsitzende der TSV-Kicker. Zu diesem pflegte Dietmar Brösamle ein „Vater-Sohn-Verhältnis“, was nicht ganz so verwunderlich war. „’Mebus’ ist bis heute der beste Freund meines Vaters Karl.“

Apropos Karl Brösamle: Der war überhaupt nicht erfreut, als sich der Filius 2002 entschloss, den TV Altdorf als Trainer zu übernehmen. „Als Hausemer zum Erzfeind zu wechseln, war damals wenig beliebt“, erinnert sich Dietmar Brösamle an den familiären Gegenwind. Und den erntete er nicht nur von seinem Vater. Auch Onkel Rudolf hatte so seine Probleme mit dem sportlichen Werdegang seines Neffen. „Mein Onkel hatte gerade drei Finger bei einem Unfall mit dem Mähdrescher verloren und lag in Tübingen auf der Uniklinik. Als ich ihn das erste Mal besuchte, entgegnete er mir als erstes: ’Wie kannst du nur nach Altdorf gehen?’“, ist Dietmar Brösamle heute noch baff.

In vier Jahrzehnten als Trainer haben sich einige Anekdoten angesammelt. Dietmar Brösamle könnte ein Buch mit all den Ereignissen im hiesigen Fußball füllen. Bereits mit 18 Jahren übernahm er in Hausen als Trainer eine Jugendmannschaft, ehe ihn eine Sprunggelenkverletzung mit 32 Jahren zwang, seine Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Dann rutschte er als Coach in den Aktivenbereich: „Roland Schmickl hatte gerade aufgehört, so dass ich die zweite Hausemer Mannschaft übernommen habe.“

1997 erfolgte dann der erste Vereinswechsel, als Dietmar Brösamle sich der Herausforderung beim FC Unterjettingen stellte. Von Beginn an ging es in der Bezirksliga nur ums Überleben. Kurz vor dem Saisonende kam heraus, dass Dietmar Brösamle bei der Spvgg. Aidlingen für die neue Runde zugesagt hatte – einem direkten Konkurrenten im Abstiegskampf. Noch bevor das direkte Duell am vorletzten Spieltag über die Bühne ging, wurde ihm der Stuhl vor die Tür gesetzt. Am Ende konnte Brösamle dennoch lachen: Der FCU stieg ab, Aidlingen sicherte sich den Klassenerhalt. Am Aidlinger Vogelherdle wurde er schnell glücklich. In der ersten Saison gelang am letzten Spieltag der Liga-Verbleib, in der zweiten Saison die Vize-Meisterschaft. „Ich hatte eine überragende Truppe, unter anderem mit Dirk Weckfort im Tor, den Schmickl-Brüdern Martin und Matthias oder Murat Karakas.“ Doch dann sollte Vereinslegende Edi Almert das Aidlinger Team übernehmen. Dietmar Brösamle schluckte diese Kröte, nahm sich der A-Junioren der SG Altdorf/Hildrizhausen an und schaute aus der Ferne zu, wie die Aidlinger sang- und klanglos in die Kreisliga A absteigen mussten. In Altdorf rutschte Dietmar Brösamle schnell auf die Chefposition bei der ersten Aktivenmannschaft und legte eine Erfolgsgeschichte hin. Von der B-Liga ging’s hoch bis auf Rang zwei in der Bezirksliga. Obendrein gab’s den Sieg im Bezirkspokal und ein Aufstiegsspiel zur Landesliga, das Altdorf aber knapp gegen den TuS Ergenzingen und deren Trainer Heiner Seeger mit 0:1 verlor. „Eine tolle Zeit“, denkt der 58-Jährige gerne an seine erste Amtszeit in Altdorf zurück. 2010 folgte er dem Lockruf des VfL Herrenberg, mit dem er sogleich in die Landesliga aufsteigen sollte. Dieses Abenteuer gestaltete sich aber nicht so, wie es sich Brösamle vorgestellt hatte. Sechs Spieltage vor dem Saisonende beendete der VfL die Zusammenarbeit mit seinem Coach, konnte den Abstieg aber trotzdem nicht mehr verhindern.

Kurz darauf heuerte er erneut beim TV Altdorf an – und blieb ihm bis heute treu. Die Liga-Zugehörigkeit war dem alten und neuen TVA-Trainer dabei nicht mehr ganz so wichtig. „In der Kabine muss es stimmen, das ist viel wichtiger, als auf Teufel komm raus aufzusteigen.“ Dennoch führte er die Altdorfer wieder zurück in die A-Liga. An den Voraussetzungen in Altdorf und der Trainingsbeteiligung hatte der Hildrizhausener nichts auszusetzen, an der Herangehensweise der aktuellen Kicker-Generation indes schon. „Einige meiner Spieler haben Dauerkarten für den VfB Stuttgart, der bekanntlich überwiegend sonntags spielte. So fehlten mir immer wieder einige Spieler.“

Auch dass er nach Niederlagen oftmals der Einzige in der Kabine war, der sich über selbige ärgerte, verwundert Dietmar Brösamle. „Vielleicht bin ich wirklich zu alt, um das alles verstehen zu können.“ Das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Teamkollegen habe sich enorm verändert. Was er an einem Beispiel festmacht: „Training ist um 19 Uhr angesetzt, für Verspätungen wurden dementsprechend Strafen festgelegt. Irgendwann kamen die Jungs auf mich zu und meinten, ich könne sie nicht weiterhin so ausnehmen. Am Ende war ich froh, wenn wir fünf nach sieben mit dem Training beginnen konnten.“

Dieser Ärger ist nun passé. „Das war es für mich als Trainer“, sagt er mit hörbarer Erleichterung. Der Gesellschaft gilt ab sofort verstärkt sein Augenmerk. „Als Vorsitzender des Roten Kreuzes Hildrizhausen will ich der Allgemeinheit etwas zurückgeben.“ Wäre nur noch die Anekdote mit dem VfL Sindelfingen zu klären. Im Frühjahr 2014 sagte Dietmar Brösamle dem Landesligisten zu. „Das wäre noch einmal eine sehr schöne Herausforderung geworden“, denkt er mit Wehmut zurück. „Wir hatten super Gespräche, das hätte voll gepasst.“ Drei Wochen nach Bekanntgabe, dass Dietmar Brösamle die Daimlerstädter übernehmen würde, erfolgte der Rückzug. „Das hatte private Gründe. Die VfL-Verantwortlichen waren natürlich nicht erfreut, aber sie haben mich verstanden. Und letztlich haben sie damals mit Maik Schütt einen guten Mann an Land gezogen.“ EDIP ZVIZDIÇ

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Erstellt:
24. Juni 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 34sec

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