Heizkosten, Herd oder Hunde-OP

„Gäubote“-Weihnachtsaktion: Dank der Einzelfallhilfe kann Menschen in finanziellen Notlagen geholfen werden. Die Anträge beziehen sich auf Unterstützung im Haushalt, bei Krankheiten, Kleidung oder Teilhabe.

Immer mehr Menschen geraten in eine ausweglose Situation. GB-Foto: Schmidt

Immer mehr Menschen geraten in eine ausweglose Situation. GB-Foto: Schmidt

Der Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ bietet mit der Einzelfallhilfe eine schnelle und weitgehend unbürokratische finanzielle Unterstützung für Menschen, die am Existenzminimum leben und die auf die Schnelle Geld benötigen. Dieser Rettungsanker wird dann ausgeworfen, wenn andere Hilfsangebote nicht greifen. Die unkomplizierten, mal kleineren, mal größeren Geldspritzen haben bereits vielen Menschen dabei geholfen, in akuten Notsituationen Lösungen zu finden oder dringend benötigte Anschaffungen zu tätigen.

Dr. Ulrike Altherr, Pastoralreferentin der katholischen Kirchengemeinde Herrenberg und Helga Dierich, Ex-Sozialamtsmitarbeiterin, gehören zum Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“, der über die Vergabe der einmaligen Finanzspritzen entscheidet.

Bezüglich des Ablaufs sieht es so aus, dass Ratsuchende sich mit einem konkreten Anliegen für Geldnöte an die Sozialberater im Haus der Diakonie wenden. Dort wird geklärt, wie viel Geld die Betreffenden benötigen und wofür. Zudem prüfen die Sozialberater, ob es andere Möglichkeiten gibt, die benötigten Mittel einzuholen. Anschließend schreiben die Mitarbeiter im Haus der Diakonie einen Antrag. Liegt die Zielsumme unter 1000 Euro, wird der Antrag per E-Mail an Ulrike Altherr und Helga Dierich versandt. „Wenn wir beide das Anliegen genehmigen, unterschreibt Pfarrer und stellvertretender Interims-Dekan Ulrich Behrendts. Übersteigt der finanzielle Unterstützungsbedarf die 1000-Euro-Marke, müssen alle Mitglieder des „Miteinander – Füreinander“-Gremiums den Antrag genehmigen. Dieser Zirkel setzt sich aus Vertretern des Hauses der Diakonie, der Stadtverwaltung Herrenberg, der katholischen Kirchengemeinde, des evangelischen Kirchenbezirks und der Bürgerstiftung zusammen. Die meisten Anträge liegen aber unter 1000 Euro – teils beginnt der Bedarf schon bei 100 Euro. „Die eigentliche Arbeit ist es aber, die Umstände zu klären“, erläutert Altherr. Denn die Klienten werden oft etwa von der Schwangeren-, Schuldner- oder der Sozialberatung sowie vom sozialpsychiatrischen Dienst, vom Sozialamt oder von der Arbeitsagentur ans Haus der Diakonie überwiesen. Hauptbedingung ist, dass die Betroffenen selbst nicht über die erforderlichen Mittel verfügen und Hilfen nicht anderweitig beantragt werden können. Einer Prüfung unterzogen werden zudem die Einkommens- und Vermögensverhältnisse.

Die Anzahl der Anträge auf Einzelfallhilfe steigt seit Jahren kontinuierlich und beläuft sich nach Angaben von Dr. Ulrike Altherr aktuell auf drei bis vier Unterstützungsgesuche pro Woche, was sich im Jahr auf etwa 200 summiert. „Es hat zugenommen“, bestätigt auch Helga Dierich.

Und welches sind die dringendsten Probleme? „Es gibt fast nichts, was es nicht gibt“, stellt Altherr seufzend fest. Zusammenfassend, betreffen die Anliegen so ziemlich alles rund um das Thema Wohnen – von Waschmaschine über Herd bis zu Kühlschrank als konkrete, nach Defekten dringend neu benötigte Haushaltsgeräte. Einen weiteren, prekären Punkt stellen Stromschulden dar. „Das ist besonders für Familien, die finanziell ohnehin am Existenzlimit stehen, sehr heikel. Wer zusätzlich am Heizen spart, riskiert Schimmel in der Wohnung, dadurch Schäden und schlimmstenfalls Krankheiten – eine schlimme Abwärtsspirale. „Manchmal fangen wir auch Mietrückstände auf“, ergänzt Helga Dierich.

Hinzu kommen etwa Zuzahlungen zu Medikamenten, Brillen bei Erwachsenen oder Kindern oder kieferorthopädischen Behandlungen bei Kindern. Für Menschen, die auf Sehhilfen oder bestimmte Pillen angewiesen sind und sich keine Zusatzversicherung etwa für Zahnersatz leisten können, tun sich da schnell große Probleme auf, die häufig nur durch die Unterstützung der Einzelfallhilfe gelöst werden können.

Doch es gibt auch viele weitere Punkte, die nicht jeder auf dem Schirm hat – etwa wenn eine Frau eine Kur genehmigt bekommt und kein Geld für Bade- und Sportkleidung aufbringen kann oder im Geldbeutel nichts mehr vorhanden ist, um Winterkleidung zu beschaffen. „Wenn es um Anziehsachen geht, schicken wir die Leute aber zunächst immer in den Diakonieladen“, betont Altherr. Schreibtische, Kinderbetten, Matratzen – all dies sind fürs Wohnen essenzielle Gegenstände, für die es vom Jobcenter kein Geld gibt. Denn Zuschüsse gibt diese Behörde nur für die Gründung des ersten Hausstandes und lediglich als Darlehen – das Geld muss also irgendwann zurückbezahlt werden. Ein weiteres Problem: Aufgrund der Menge an Anträgen gibt es beim Jobcenter häufig lange Wartezeiten – wenn bei manchem schon die Stromabstellung oder die Mietkündigung drohend vor der Tür steht. Dann ist es gut, dass es auf andere Weise und weitgehend unbürokratisch schnelle Hifle gibt.

Unter dem Schirm der Einzelfallhilfe erhalten Familien in Not aber auch Unterstützung im Bereich Bildung und Teilhabe, etwa Geld für eine Kinderfreizeit, Turnschuhe für den in einem Sportverein aktiven Nachwuchs oder einen Schulranzen.

Sogar Geld für die Operation eines Hundes ist aus diesem Topf schon geflossen: „Das klingt womöglich erstmal seltsam, aber auch ein geliebtes Haustier kann etwa bei Krankheit Halt geben“, erklärt Altherr.

Wichtig zu wissen: Bargeld wird nur in den seltensten Fällen ausbezahlt, meistens werden die Rechnungen beglichen.

Über manches staunen aber auch die Bearbeiterinnen der Anträge: „Ich sage es ganz ehrlich: Manche Leute können nicht wirtschaften“, berichtet Helga Dierich. Diesen empfiehlt die Fachfrau, einen Haushaltsplan mit den fixen Kosten als Übersicht aufzustellen und etwas Geld zurückzulegen auch wenn man wenig hat.Speziell junge Menschen sollten mit ihren Ausgaben etwas sorgsamer umgehen, wünscht sich Dierich.

„So bunt wie das Leben ist, sind die Anfragen. Und: Die Einzelfallhilfe ist nötiger denn je“, bringt Dr. Ulrike Altherr dieses finanzielle Unterstützungsangebot auf den Punkt. Gemeinsam mit Helga Dierich, die bis 2003 beim Sozialamt arbeitete, werden die Anträge gesichtet. „Wir sind da, wenn andere Leistungsträger nicht einspringen“, fasst Helga Dierich zusammen.

Es gibt fast nichts, was es nicht gibt Ulrike Altherr

Dr. Ulrike Altherr GB-Foto: Vecsey

Dr. Ulrike Altherr GB-Foto: Vecsey

Helga Dierich GB-Foto: Vecsey

Helga Dierich GB-Foto: Vecsey

Dr. Ulrike Altherr GB-Foto: Vecsey