Liefert die Strukturreform noch Diskussionsstoff ?

Groß mit Abschiedsworten hielt sich Helmut Dolderer, der scheidende Bezirksspielleiter, am Samstag beim virtuellen Bezirkstag nicht auf. Über zehn Minuten lang rechnete der Wildberger mit den bisher bekannten Plänen zu einer Strukturreform des Württembergischen Fußballverbands (WFV) ab.

Andreas Gauss

Dolderer: Bei der Strukturreform wurde die verkehrstechnische Lage nicht berücksichtigtGB-Foto (Archiv): up

Dolderer: Bei der Strukturreform wurde die verkehrstechnische Lage nicht berücksichtigtGB-Foto (Archiv): up

Den Ton hatte bereits Richard Armbruster in seiner Rede gesetzt: „Es wurmt mich gewaltig, dass der Bezirk geteilt werden soll.“ Exakt 21 Jahre lang hat der 73-jährige Bondorfer den Bezirk Böblingen/Calw angeführt, der nun, nach einem Vorschlag der WFV-Kommission „Verbandsstruktur“ aufgeteilt werden soll. Die Calwer Vereine sollen sich dem Bezirk Nördlicher Schwarzwald anschließen, die Böblinger Vereine dem Bezirk Stuttgart. Vor 56 Jahren, so erinnerte Armbruster, sei es genau andersherum gelaufen, als die Böblinger Vereine den Stuttgarter Fußballkreis verließen und sich der Gruppe Enz/Nagold anschlossen. Daraus wurde, so der scheidende Bezirkschef, ein gut funktionierender Bezirk und die beiden Schiedsrichtergruppen harmonierten nach anfänglichen Animositäten ebenfalls sehr gut.

Der WFV-Beirat hat im April mehrheitlich für den Leitantrag gestimmt, der die Reduzierung von 16 auf zwölf Bezirke mit sich bringen soll. Der Spielbetrieb werde dann in einem sogenannten 1-4-12-System mit einer Verbandsliga, vier Landesligen und zwölf Bezirksligen organisiert. Laut WFV-Präsident Matthias Schöck sei ein „schrittweiser und integrativer Übergang auf die neuen Strukturen vorgesehen“.

Bezirk ohne Strukturprobleme
wird auf einmal geteilt

Allerdings: „Integriert“ beziehungsweise „mitgenommen“ fühlt sich Bezirksspielleiter Helmut Dolderer keineswegs. Bereits im Vorfeld des Bezirkstags hat er seinem Ärger über die WFV-Pläne Luft gemacht: „Einen Bezirk, der sich in den letzten Jahren immer wieder mit innovativen Vorschlägen in die Verbandsarbeit eingebracht hat und der aufgrund der aktuellen Mannschaftszahlen keinerlei Strukturprobleme hat, zu teilen, um damit kleinere Bezirke zu stärken, ist für mich nicht nachvollziehbar.“ In seiner rund zehnminütigen Abrechnung mit der Entwicklung der Strukturreform habe er den Mut vermisst, tatsächlich eine neue Struktur anzudenken und Zukunftsprobleme anzupacken. Vor allem hätte man mit den vier Problembezirken – Dolderer spielte damit auf die kleinen Bezirke Nördlicher Schwarzwald (78 Aktivenmannschaften), Zollern (83), Donau (99) und Riss (71) an – direkte Absprachen treffen können. Der Fehler bei den Planungen sei bereits am Anfang angelegt gewesen, als man mit den Schiedsrichtergruppen die kleinste Organisationsgröße zum Maßstab genommen hatte.

Schließlich sprach sich Helmut Dolderer auch dafür aus, die verkehrstechnischen Anbindungen bei dem neuen Bezirkskonstrukt im überregionalen Bereich zu berücksichtigen. Die Zuordnung der Böblinger Vereine zu Stuttgart und damit die Eingruppierung in die Landesliga-Staffel 2 würde mit sich bringen, dass bei Nachholspielen unter der Woche diese Clubs unter Umständen eine Fahrt bis nach Ostwürttemberg (Raum Aalen/Heidenheim) oder umgekehrt unternehmen müssten.

Dolderer: „Es kann nur die
Variante 1-3-9 geben“

Dolderer: „Oder wenn der VfB Stuttgart am Sonntag um 15.30 Uhr ein Bundesliga- Spiel bestreitet und gleichzeitig ein Böblinger Kreisverein in Zuffenhausen antreten muss. Da ist doch eine Anreise nicht planbar.“ Verkehr und damit die Frage nach den Fahrtstrecken hält der scheidende Bezirksspielleiter für wichtig. Seiner Meinung nach kann es nur die Variante 1-3-9 geben, die den Bezirk Böblingen/Calw als Ganzes mit dem Bezirk Nördlicher Schwarzwald zusammenspannen würde. Zwar ergäbe dieses Bezirksgebilde auch noch erhebliche Distanzen, aber, so Dolderer, dies treffe im Grunde nur für rund 15 Prozent der Vereine zu, denn die Räumlichkeiten für das Gros der Aktivenmannschaften in den Kreisligen A und B würde erhalten bleiben. Dennoch schwang beim Wildberger die Skepsis mit, dass man die Mannschaftzahlen bei einem so starken Eingriff in die Bezirksstruktur nicht werde halten können.

Neuesten Zahlen zufolge hat der Bezirk Böblingen/Calw tatsächlich einen starken Abschwung bei Mitgliedern zu verzeichnen. Die Bestandsmeldung an den Württembergischen Landessportbund (WLSB) habe in den Jahren 2019 und 2020 laut Richard Armbruster ein Minus von rund 700 Mitgliedern ergeben: „Damit haben wir nur noch 13 Delegierte beim Verbandstag.“ Drastischer fällt der Fünf-Jahres-Vergleich im Bezirk aus. Bei den Mitgliedern über 18 Jahre hat man einen Verlust von rund 256 Personen und liegt damit vor den Bezirken Unterland (-403) und Zollern (-280) an drittletzter Stelle. Im A- und B-Jugend-Bereich hat Böblingen/Calw rund 226 Spieler verloren. Noch deutlichere Verluste mussten in den letzten fünf Jahren Hohenlohe (-717) und Nördlicher Schwarzwald (-246) hinnehmen.

Aufgrund der noch nicht absehbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie, die den Spielbetrieb auch in der Jugend für Monate lahmlegte, war für Richard Armbruster klar, dass die „Maschine Schub braucht. Denn wenn kein Nachschub aus der Jugend kommt, werden viele Vereine irgendwann von der Bildfläche verschwinden.“ Helmut Dolderer plädierte dementsprechend für eine „Großoffensive für den Jugendfußball“. Man müsse die Vereine dazu bringen, bereits im C-Jugend-Alter lizenzierte Übungsleiter einzusetzen. Dafür könnte es beispielsweise finanzielle Unterstützung seitens des Verbands geben, die freilich an bestimmte Bedingungen geknüpft werden müssen. Ebenso sei eine intensivere Zusammenarbeit mit den Schulen notwendig. Für Dolderer ist klar: „Wenn die Jugendarbeit vernachlässigt wird, kommt oben nichts mehr an.“

Noch sehen sich die Vereine
als „Einzelkämpfer“

Jürgen Conforti, Fußball-Abteilungsleiter der Spvgg. Holzgerlingen, äußerte sich im Nachgang des Bezirkstags beeindruckt: „Ich denke, Helmut Dolderer hat vielen Vereinsvertretern aus der Seele gesprochen.“ Die Holzgerlinger, die sich in den vergangenen Jahren immer wieder an der Schnittstelle zum überregionalen Fußball, also dem Übergang von der Bezirks- zur Landesliga bewegt hatten und derzeit drei Aktiventeams melden, stehen den Plänen eines neuen Bezirks skeptisch gegenüber. Conforti: „Das Verkehrsthema ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn die Kicker zukünftig zwei Stunden auf der Autobahn im Stau stehen, beginnen sie schnell etwas infrage zu stellen.“ Allerdings sieht er die Vereine noch als „Einzelkämpfer“, wenn sie mit dem geplanten Bezirkszuschnitt nicht einverstanden wären. Conforti: „Mich würde auch interessieren, wie die Staffelleiter und die künftige Bezirksführung das Problem sehen. Klar ist für mich, dass sich die überregional agierenden Vereine und die Bezirksliga-Vereine mit der Thematik auseinandersetzen müssen. Vielleicht können wir auch eine Petition einreichen?“

Eine Wortmeldung beim virtuellen Bezirkstag zur anstehenden Strukturreform, die auf einem außerordentlichen Verbandstag im ersten Halbjahr 2022 verabschiedet werden soll, gab es nicht.

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Erstellt:
25. Mai 2021, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

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