Schicksale, die zu Tränen rühren
„Gäubote“-Weihnachtsaktion: Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ ruft unter dem Motto „Wir helfen!“ einmal mehr zu Spenden auf für Menschen, die unverschuldet in akute Notlagen geraten sind.
Solidarität gefragt: Viele Menschen leben in prekären Situationen und erhalten nicht immer alle notwendigen Hilfen. GB-Foto: YM Creative Studio/ stock.adobe.com
Wenn Menschen in Not geraten, ist Hilfe gefragt. Wenn die Not existenziell wird, dann erst recht. Tatsächlich gelten mehr als 14 000 Haushalte im Landkreis Böblingen als arm oder armutsgefährdet, basierend auf der Zahl der Empfänger von Transferleistungen. Angesichts von circa 170 000 Haushalten entspricht dies über acht Prozent – Zahlen, die erschrecken.
Doch Transferleistungen sind das eine, schnelle und unbürokratische Hilfe für Menschen, die unverschuldet in eine prekäre Lebenssituation geraten sind, das andere. Und die können institutionelle Anlaufstellen wie Jobcenter, Sozialbehörden, Beratungsstellen und Kirchen nicht immer leisten – weil mitunter dafür kein gesetzlicher Anspruch besteht und weil die Zuständigkeit nicht gegeben ist. In diesen Fällen greifen seit Jahrzehnten die individuellen Hilfen des Arbeitskreises „Miteinander – Füreinander“. Und dafür sammelt die „Gäubote“-Weihnachtsaktion zusammen mit dem AK „Miteinander – Füreinander“ in diesem Jahr wieder Spenden. „Wir helfen“ lautet das Motto.
Es gilt, Menschen, ja auch ganze Familien, zu unterstützen, die finanziell nicht mehr über die Runden kommen, die überschuldet sind, die aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können, ihre Miete schuldig bleiben müssen oder möglicherweise schon ohne Obdach sind. Tatsächlich steigt die Zahl derer, die Unterstützung aus dem Fördertopf des Arbeitskreises „Miteinander – Füreinander“ erhalten, seit Jahren an. Dabei geht es oft um Dinge, die für andere selbstverständlich sind, wie Ulrike Altherr sagt.
Ulrike Altherr gehört dem Arbeitskreis für die katholische Kirchengemeinde an und bearbeitet seit vielen Jahren die Anträge auf Einzelfallhilfe. Sie prüft, ob und wie den Betroffenen unter die Arme gegriffen werden kann. Worum es geht: um eine Brille, die ersetzt werden muss, weil sie kaputtgegangen ist, um eine kleine Beihilfe, um die Stromnachzahlung begleichen zu können, oder um eine Waschmaschine für die Großfamilie anzuschaffen.
Rund 200-mal pro Jahr wird so individuell Hilfe geleistet, um Menschen ein klein wenig in ihrer Notlage beizustehen und ihre Probleme zu lindern. „Viele Anträge rühren mich zu Tränen – aus Mitgefühl und aus tiefer Dankbarkeit gegenüber den Spenderinnen und Spendern“, sagt Ulrich Behrendts, der seit einem Jahr als evangelischer Pfarrer in Herrenberg im Arbeitskreis vertreten ist. „Ich hätte nie erwartet, wie groß die Not in Herrenberg tatsächlich ist.“ Allerdings ist auch für ihn eines wichtig: Die Hilfe mit überschaubaren Summen soll ein Anreiz zur Selbsthilfe sein.
Als Hauptursachen für Armutsgefährdung und Armut gelten im Landkreis Böblingen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, etwa Minijobs, Leiharbeit oder befristete Verträge. Immer mehr zum Problem für Menschen mit kleinem Einkommen entwickelt sich auch das Thema Wohnen. Nicht nur, dass viele Menschen nicht mehr ihre Miete bezahlen können; sie sind, wenn ein Umzug ansteht, oft auch nicht in der Lage, die notwendige Kaution zu begleichen, weil auf dem Konto Ebbe herrscht. Tatsächlich sind viele Mieter überschuldet. Nach Angaben der Fachstelle Wohnraumsicherung des Landkreises Böblingen betragen die Mietschulden betroffener Familien bis zu 7000 Euro. Hauptauslöser sind auch hier zumeist der Verlust des Arbeitsplatzes. Aber auch andere äußere Ereignisse wie Erkrankung, Sucht, Unfall, Trennung, Scheidung oder Tod können Menschen in eine Abwärtsspirale ziehen.
Ein weiteres Problem ist die Notunterbringung von Menschen, oft von ganzen Familien, in kommunalen Unterkünften, wenn Mieter – aus welchen Gründen auch immer – ihre Wohnung räumen müssen und keine neue Bleibe finden. „Meist fehlt es hier an den einfachsten Dingen, denn nicht selten steht dort nur ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl“, sagt Michael Vogelmann von der Wohnrauminitiative der Caritas in Böblingen, die auch Betroffene im Raum Herrenberg betreut. Für die Erstausstattung solcher Haushalte gibt es von offizieller Seite kaum Unterstützung. Auch ihnen kann daher mit einem Zuschuss aus dem Fördertopf von „Miteinander – Füreinander“ geholfen werden.
„Wohnen ist wichtig, weil ein sicheres Zuhause die Basis für ein gutes, selbstbestimmtes Leben ist“, begründet Ulrich Behrendts, weshalb in der aktuellen Weihnachtsaktion gezielt auch auf Betroffene in prekären Wohnsituationen geblickt wird.
Mit den Einzelfallhilfen stellt „Miteinander – Füreinander“ seine Kernaufgabe in den Mittelpunkt: Hilfe, wenn andere unverschuldet in Not geraten sind. „Mit der Einzelfallhilfe kommen Einzelschicksale in den Blick“, sagt Pfarrer Ulrich Behrendts. Unabhängig davon seien „viele große Projekte zum Selbstläufer geworden und stehen heute auf eigenen Beinen, wie die Hospizarbeit oder die Vesperkirche“.
Wer macht mit?
„Gäubote“-Weihnachtsaktion: Unterstützende Spendenideen aus der Leserschaft sind gefragt.
Dem Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ gehören neben dem „Gäubote“ und den Kirchen Vertreter der Diakonie, der Stadt Herrenberg und der Bürgerstiftung an. Mit den Spenden aus der Weihnachtsaktion werden seit über 30 Jahren Menschen in Not unterstützt und Sozialprojekte gefördert. Allein in den letzten 15 Jahren wurden für die Einzelfallhilfen 415 000 Euro ausbezahlt – 1000 Zuschüsse sind es in diesen Tagen genau seit 2009, als mit der systematischen Erfassung der Anträge begonnen wurde. Bei der aktuellen „Gäubote“-Weihnachtsaktion stehen diese individuellen Hilfen im Mittelpunkt. Unterstützung erfahren sollen aber auch Initiativen und Projekte, die Menschen in Armut zur Seite stehen – zum Beispiel der Samstagsmalzeitendienst in Herrenberg oder der Gabenzaun des Vereins Freunde e.V.
Gerne veröffentlicht der „Gäubote“ Ihren Namen und Ihren Wohnort, wenn Sie spenden. Dies geschieht dann sowohl in der Printausgabe als auch auf dem Online-Portal www.gaeubote.de – hierzu müssen Sie allerdings ausdrücklich Ihre Zustimmung geben. Zum Beispiel auf den Überweisungsvordrucken, die an vielen Stellen in Herrenberg und Umgebung ausliegen und auch dem „Gäubote“ beigelegt werden.
Der Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ bestätigt die Gemeinnützigkeit Ihrer Spende. Bis zu einem Betrag von 300 Euro gilt der Einzahlungsbeleg als Nachweis für das Finanzamt. Für größere Einzahlungen erhalten Sie automatisch eine Spendenbescheinigung, weshalb Sie auf den Überweisungen unbedingt Ihre Adresse angeben sollten.
Wenn Sie mit einer eigenen Aktion zum aktuellen Spendenprojekt „Wir helfen!“ beitragen wollen, sagen Sie uns Bescheid (E-Mail: redaktion@gaeubote.de). Wir unterstützen und begleiten Sie dabei – und berichten selbstverständlich auch gerne darüber im „Gäubote“.
Kommentar
Menschlichkeit ist kein Luxus zu Weihnachten
Selbst eine kleine Hilfe kann Menschen in Notlagen auf einen guten Lebensweg zurückbringen.
Acht Prozent aller Menschen im Kreis Böblingen leben in Armut oder sind von ihr bedroht – in einem der wohlhabendsten Regionen des Landes. Das ist mehr als eine Statistik, es ist ein Alarmsignal. Denn die Fallzahlen steigen, die Ursachen sind längst strukturell: Jobverlust mit all seinen harten Folgen, Langzeitarbeitslosigkeit, Leiharbeit, Krankheit, Suchterkrankungen – und ein Wohnungsmarkt, der Menschen mit kleinem Einkommen erbarmungslos überrollt. Mietschulden in vierstelliger Höhe, überteuerte Kautionen, Notunterkünfte ohne Perspektive: Das ist für viele bittere Realität.
Natürlich braucht es politische Antworten: mehr bezahlbaren Wohnraum, faire Löhne, sichere Arbeit, bessere Prävention. Vor allem aber: Rahmenbedingungen für eine Wirtschaft, damit sie (wieder) brummt und nicht – wie es aktuell geschieht – an Kraft verliert. Tatsächlich werden die Zeiten nicht besser, und genau deshalb darf die Gesellschaft nicht wegsehen.
Hier zeigt die „Gäubote“-Weihnachtsaktion in Kooperation mit dem Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ seit Jahren, was Solidarität bedeutet. Sie ersetzt keine Sozialpolitik – aber sie mildert Notlagen, verhindert Abstürze, gibt Menschen wieder Halt. Sie hilft schnell und unbürokratisch. Längst ist sie unverzichtbar.
Weihnachten erinnert uns daran, dass Menschlichkeit kein Luxus ist, sondern Maßstab. Manchmal entscheidet ein einzelner Zuschuss, eine kleine finanzielle Hilfe über die Richtung eines Lebenswegs.
Darum, liebe Leserinnen und Leser: Bitte spenden Sie. „Wir helfen!“
dietmar.denner@gaeubote.de
Ich hätte nie erwartet, wie groß
die Not in Herrenberg tatsächlich ist Pfarrer Ulrich Behrendts