Schüler schreiben historisches Stück selbst

Die Theater-AG der Klassenstufen 7 bis 9 der Gemeinschaftsschule Jettingen präsentiert im Juni ihr Theaterstück „Irgendwo im Nirgendwo – Verstummte Stimmen in Theresienstadt“. Im aktuellen Schuljahr haben sich 31 Schüler intensiv mit dem historischen Kontext auseinandergesetzt.

Die Theater-AG hat regelmäßig Auftritte: Im letzten Schuljahr gab sie „Tintenherz“ GB-Foto: gb

Die Theater-AG hat regelmäßig Auftritte: Im letzten Schuljahr gab sie „Tintenherz“ GB-Foto: gb

Das selbst geschriebene Theaterstück rankt sich um die Bedeutung der Kinderoper „Brundibar“ und den Alltag aus der Perspektive der Kinder im Ghetto Theresienstadt, heißt es in einer Pressemitteilung der Schule. Diese Oper wurde vom jüdischen Komponisten Hans Krása bereits 1938 in Prag komponiert und am 23. September 1943 im Ghetto Theresienstadt uraufgeführt. Es ist ein Lehrstück über die Freundschaft und thematisiert den Sieg über das Böse. Die beiden Geschwister Aninka und Pepicek wollen Geld verdienen, um Milch für ihre kranke Mutter zu kaufen. Doch zunächst müssen die zwei den alten Leierkastenmann Brundibar besiegen, der die Menschen auf dem Markt mit seiner immergleichen Musik beeinflusst.

Hans Krása selbst studierte die Oper mit Kindern des Ghettos ein, insgesamt wurde sie dort über 50-mal aufgeführt. Durch die Melodien von „Brundibar“ sammelten die Kinder Mut und schöpften neue Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Das Abschlusslied der Kinderoper „Brundibar“ wurde zur heimlichen Hymne im Ghetto Theresienstadt.

Von den Nazis für ihre
Propaganda eingesetzt

Die Kinderoper wurde von den Nationalsozialisten mehrfach für ihre Propaganda missbraucht. Die Abschlussszene wurde im Frühjahr 1944 einer Delegation des internationalen Roten Kreuzes in Theresienstadt aufgeführt und im Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ eingesetzt. Es gelang, das wahre Gesicht des Ghettos zu verbergen und Theresienstadt als alte Kurstadt und jüdische Mustersiedlung während des Zweiten Weltkrieges darzustellen. Kurz nach der Fertigstellung des Films wurde Hans Krása und die mitwirkenden Kinder in den Osten deportiert.

Neben den Liedsequenzen der Kinderoper sind im selbst geschriebenen Theaterstück „Irgendwo im Nirgendwo – Verstummte Stimmen in Theresienstadt“ weitere historische Gedichte, Bilder sowie Ton- und Filmaufnahmen integriert. An beiden Aufführungen ist die Gedenkstätte des KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen mit einem Infostand vertreten.

„Die Theatergruppe an der Gemeinschaftsschule Jettingen zeichnet sich aus durch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, in der jeder seine Stärken einbringen kann und akzeptiert wird“, sagt Rektor Dominic Brucker. „Wichtige Kennzeichen der Theaterpädagogik an unserer Schule sind Zusammenarbeit auf Augenhöhe, Teamwork und ein enges Vertrauen untereinander.“

In diesem Schuljahr spielen an der GMS Jettingen rund 60 Schüler der Klassenstufe 5 bis 9 Theater. Zur Aufführung kommen zwei altersspezifische selbst geschriebene Theaterstücke zur Aufführung. Die jungen Spieler erarbeiten ein humorvolles Theaterstück über Räuber Hotzenplotz. Die Premiere ist am Mittwoch, 10. Juli, um 18 Uhr. Durch den Umbau der Gemeinschaftsschule sind in der Mensa zwei neue Bühnen mit Licht- und Tontechnik ausgestattet worden. Diese Anschaffungen bereichern und stärken die Theaterarbeit an der Jettinger Gemeinschaftsschule, an der sich unter Leitung der Lehrerin und Theaterpädagogin Tabea Münkel das Theaterspielen nicht nur zu einem festen Bestandteil, sondern mittlerweile zu einem Aushängeschild geändert hat.

Mit den Theaterstücken der vergangenen Jahre wie „Tintenherz“ oder „Robin Hood“ setzte man eher auf Unterhaltung und Spannung. „Mit ’Irgendwo im Nirgendwo – Verstummte Stimmen in Theresienstadt’ möchten wir in diesem Schuljahr bewusst ein politisches und auch gesellschaftliches Zeichen setzen. Die Vergangenheit muss uns eine Warnung für die Zukunft sein und aktuelle Ereignisse zeigen deutlich, welch ein sensibles Gerüst die Demokratie ist“, sagt der Jettinger Schulleiter, Dominic Brucker in der Pressemitteilung. „Die Gemeinschaftsschule Jettingen ist eine Schule, die allen offensteht, in der Ausgrenzung oder gar Fremdenfeindlichkeit keinen Platz haben“, ergänzt der Rektor, der es selbst war, der den Kontakt zu seinem Nagolder Kollegen Walther Kinkelin, welcher wiederum Vereinsvorsitzender des Trägervereins der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen ist, suchte. Kinkelins erste Reaktion auf die Anfrage zur Kooperation beim Theaterstück hätte nicht eindeutiger sein können: „Ich halte das Projekt für eine fantastische und wichtige Sache.“ -gb-

Die Aufführungen von „Irgendwo im Nirgendwo – Verstummte Stimmen in Theresienstadt“ sind am Mittwoch, 5., und Donnerstag, 6. Juni, jeweils um 19 Uhr in der neuen Mensa der GMS.

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Erstellt:
22. Mai 2019, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 56sec

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