Über 14000 Haushalte von Armut betroffen

„Gäubote“-Weihnachtsaktion: Selbst im reichen Landkreis Böblingen kämpfen viele Menschen finanziell ums Überleben. Ihnen steht der Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ zur Seite.

Für Menschen mit wenig Geld wird das Heizen oft zum Problem.GB-Foto (Symbolbild): David Zarzosa/stock.adobe.com

Für Menschen mit wenig Geld wird das Heizen oft zum Problem.GB-Foto (Symbolbild): David Zarzosa/stock.adobe.com

Die Zahlen erschrecken: Mehr als 14 000 Haushalte im Landkreis Böblingen gelten als arm oder armutsgefährdet, basierend auf der Zahl der Empfänger von Transferleistungen. Angesichts von circa 170 000 Haushalten entspricht dies über acht Prozent. Das Landratsamt Böblingen hat auf Bitten des „Gäubote“ einige Daten zusammengestellt mit Stand von Sommer 2024.

Zu jenem Zeitpunkt bezogen 7 763 Haushalte im Kreis Leistungen wie Bürgergeld. Grundsicherung im Alter, bei Erwerbsminderung oder Hilfe zur Pflege erhielten 2 622 Haushalte. Um die Miete zu bezahlen, bekamen 3 295 Haushalte Wohngeld. Insgesamt 729 Haushalte mit Geflüchteten erhielten soziale Transferleistungen, davon 196 mit Flüchtlingen in vorläufiger Unterbringung und 533 in kommunaler Unterbringung. In Summe sind dies 14 409 Haushalte im Landkreis Böblingen, die auf diese wichtigen sozialen Sicherungssysteme angewiesen sind, hat das Landratsamt errechnet. „Da ein Haushalt aus mehreren Personen bestehen kann, liegt die Zahl der Betroffenen deutlich höher“, erklärt Rebecca Kottmann von der Pressestelle des Böblinger Landratsamts.

Erwerbstätigkeit genügt nicht immer als Schutz

Detaillierte demografische Aufschlüsselungen der Empfänger kann das Landratsamt nicht bereitstellen, daher ist unklar, wie viele der Betroffenen Frauen, Männer, Alleinerziehende, Rentner, Minderjährige, Erwerbstätige, Menschen mit Migrationshintergrund oder Geflüchtete sind. Typische Risikogruppen für Armutsgefährdung in Baden-Württemberg waren Stand 2023 jedoch Frauen (16,6 Prozent, gegenüber 14,1 Prozent Männer) und insbesondere Alleinerziehende – Letztere gelten als am stärksten betroffene Gruppe: Landesweit waren 43,4 Prozent der Haushalte mit einer erwachsenen Person und einem Kind oder mehreren Kindern armutsgefährdet. Bei Alleinerziehenden mit drei oder mehr Kindern stieg der Wert sogar auf 54,8 Prozent. Rentner stellen eine weitere Risikogruppe für Armut dar: 19 Prozent der Personen ab 65 Jahren galten als armutsgefährdet. Fast ähnlich hoch lag die Quote bei den Minderjährigen mit 18,8 Prozent. Kinder aus Familien mit deutscher Staatsangehörigkeit sind mit 4,9 Prozent deutlich seltener von Armut betroffen als Kinder ohne deutsche Staatsangehörigkeit – bei Letzteren lag das Risiko bei 28,9 Prozent.

Erwerbstätigkeit schützt nicht immer vor Armut: 10,7 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Baden-Württemberg galten als armutsgefährdet, insbesondere geringfügig Beschäftigte (23,8 Prozent), Leiharbeiter (18,6 Prozent), befristet Beschäftigte (16,3 Prozent), Solo-Selbstständige (15,1 Prozent) und Teilzeitbeschäftigte (14 Prozent). Überdurchschnittlich häufig sind im Südwesten Personen mit Migrationshintergrund armutsgefährdet: Auf 23,1 Prozent dieser Personengruppe traf dies zu, bei Menschen ohne Migrationshintergrund indes mit 10,8 Prozent nur knapp die Hälfte.

Als Hauptursachen für Armutsgefährdung und Armut nennt das Landratsamt Böblingen an vorderster Stelle Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, etwa Minijobs, Leiharbeit oder befristete Verträge. Eine geringe Qualifikation und Bildungsarmut, etwa mit nur einem niedrigen Bildungsabschluss oder ganz ohne berufliche Qualifikationen, erschweren es, einen gut bezahlten Arbeitsplatz zu finden.

Von zentraler Bedeutung ist auch die familiäre Lebenssituation: Insbesondere Alleinerziehende sind einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt, denn mangels ausreichender Kinderbetreuung können viele – gerade Frauen – häufig nur wenige Stunden arbeiten und erzielen dadurch ein niedrigeres Einkommen. Mit der Anzahl der Kinder steigt auch das Risiko für Armut.

Doppelt benachteiligt sind jene Menschen, die aufgrund von Krankheit, Behinderung oder der Pflege von Angehörigen nur eingeschränkt oder gar nicht arbeiten können und gleichzeitig zusätzliche Kosten stemmen müssen. 19,4 Prozent der Menschen mit Schwerbehinderung galten landesweit als armutsgefährdet.

Speziell im Ballungsraum Böblingen verschärfen die hohen Lebenshaltungskosten ein auskömmliches Leben: Hohe Mietpreise steigern das Risiko, selbst mit regulärem Einkommen in die Armut abzurutschen. Bei Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung erschweren Sprachbarrieren, die fehlende Anerkennung von Qualifikationen und Diskriminierung am Arbeitsmarkt die Integration. Die Folge sind nicht selten Sozialleistungen.

Hohe Lebenshaltungskosten im Ballungsraum Böblingen

Armut schlägt sich oft auf alle Lebensbereiche nieder: Menschen mit wenig Geld leben häufig in prekären Verhältnissen oder werden obdachlos. In Baden-Württemberg waren 11633 Menschen im Jahr 2023 von Wohnungslosigkeit betroffen. Kinder aus armutsgefährdeten Familien haben oft schlechtere Bildungschancen, können seltener an außerschulischen Aktivitäten teilnehmen oder durch Nachhilfe die schulischen Leistungen verbessern. Was Armut ebenfalls verhindert, ist soziale Teilhabe: Wer jeden Euro zweimal umdrehen muss, kann kostenpflichtige kulturelle Angebote kaum wahrnehmen, sich die Mitgliedsbeiträge für Vereine nicht leisten und hat kein Geld für Ausflüge oder Urlaube übrig. Die Folge ist soziale Isolation.

In Bezug auf die Gesundheit bleibt dies nicht folgenlos: Unausgewogene Ernährung mangels Geld für gesundes Essen oder keine Möglichkeit, notwendige medizinische Behandlungen vornehmen zu lassen, machen sich häufig körperlich bemerkbar.

Die ständige finanzielle Unsicherheit, Zukunftsängste, Scham und soziale Isolation können zu psychischem Stress führen, der sich etwa in Depressionen, Angststörungen oder Burnout äußert. Und um den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen, fehlt dann irgendwann einfach die Kraft.