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Zwei Schüler starten Online-Petition

Zum Fahrplanwechsel im Dezember gab es positive Schlagzeilen für das Obere Gäu: mehr Fahrten und zusätzliche Linien, um die Attraktivität des ÖPNV zu erhöhen. In Öschelbronn aber macht sich Unmut breit. Grund ist das neue Bushaltestellen-Konzept. Zwei Schüler haben eine Online-Petition gestartet, auch Erwachsene sind enttäuscht, denn betroffen sind Pendler und Ältere ebenso.

André Lauterbach (links) und Tim Seeger an der Bushaltestelle in der Mötzinger Straße  GB-Foto: Holom

André Lauterbach (links) und Tim Seeger an der Bushaltestelle in der Mötzinger Straße GB-Foto: Holom

Bis zum Fahrplanwechsel fuhren die Buslinien in Öschelbronn drei Haltestellen an – Post, Rathaus und Stuttgarter Straße. Seit dem Fahrplanwechsel am 15. Dezember werden Post und Rathaus nur noch von den Schulbussen zur ersten Stunde um 7.07 Uhr und nach der sechsten Stunde um 13.26 Uhr angefahren. Wer davor oder danach in den Bus steigen will, muss die neue Bushaltestelle an der Mötzinger Straße benutzen oder mit der Linie 777 – die stündlich die Haltestellen Post, Rathaus und Stuttgarter Straße bedient– bis zum Nebringer Bahnhof fahren, um dort in den Regionalexpress bis Herrenberg umzusteigen.

André Lauterbach, der am Schickhardt-Gymnasium in die neunte Klasse geht, ärgert sich. „Wenn ich zur zweiten oder dritten Stunde Unterricht habe, oder Mittagschule, muss ich durch das ganze Dorf laufen, bis ich an der Bushaltestelle in der Mötzinger Straße bin.“ Dass der bisherige Stundentakt auf einen durchgängigen Halbstunden-Takt bis 20 Uhr aufgewertet wurde, wiege die Nachteile nicht auf. Da viele Öschelbronner, im Längenholz zur Schule gehen, sprach sich der Unmut dementsprechend schnell herum. Insbesondere der nördliche Teil Öschelbronns sei abgehängt, man müsse von einem Ortsende zum anderen laufen, ein Kilometer oder mehr.

Auch bei den Erwachsenen hagelt es Kritik über die Situation – völlig unabhängig von der Petition. Sonja Gröger nennt es „einen Witz“. Ihre beiden Kinder gehen auch im Längenholz zur Schule, und viele ihrer Nachbarn rund um die Jettinger Straße gehören zur älteren Generation. „Für die ist der Weg in die Mötzinger Straße zu weit. Wie sollen sie denn nach Herrenberg zum Arzt kommen, nach Nebringen, um jemanden im Pflegeheim zu besuchen. Neulich erst habe ich jemanden gesehen, der seinen Koffer durch den ganzen Ort gezogen hat“, eine Zumutung sei das, ärgert sich die 47-Jährige, der es vor allem darum geht, den Anliegen der Älteren eine Stimme zu geben. Ehemann Frank Gröger kann sich nur wundern: „Die Haltestelle Post wurde neu gerichtet, für viel Geld, und jetzt wird sie kaum angefahren.“

Eine Abkürzung über die Vogelsangstraße scheiterte

Bertram Zidek betont, dass es von vornherein hätte klar sein müssen, „dass nur zwei Haltestellen zu wenig sind“. Eine Lösung hat er auch parat: Die Linie 790 solle von Mötzingen über Unterjettingen nach Öschelbronn reinfahren, bei der Post halten, ohne wenden zu müssen, zum Rathaus und zur Stuttgarter Straße. Denn damit die Linie direkter und pünktlicher fahren kann, kam es zur Reduzierung der Haltestellen. Eine Abkürzung über die Vogelsangstraße scheiterte an den Anwohnern.

Dem 14-jährigen André Lauterbach ist schnell klar gewesen, dass irgendwie gehandelt werden müsse. „Aber ich wusste nicht wie. Erst als ich die Online-Petition für eine Verkehrsberuhigung im Alzental in Herrenberg unterschrieben habe, kam mir die Idee, so etwas auch für Öschelbronn zu machen.“ Gesagt, getan. Tim Seeger, sein Nachbar, schloss sich an. „Zunächst haben wir nur in unseren Klassen Werbung gemacht, da war die Resonanz noch nicht so groß. Aber als unsere Eltern das in ein soziales Netzwerk stellten, ging es ganz schnell bergauf“, staunt Lauterbach. Am gestrigen Nachmittag waren 339 Unterschriften zusammengekommen. „Wir sind sehr überwältigt, und für uns ist das eine Motivation weiterzumachen“, betont Seeger (15) und ergänzt, „man muss sich ja an den Kopf fassen über die Entscheidung, auch wenn man an den Klimaschutz denkt.“ Denn nicht nur für Schüler habe sich die Ausgangssituation verschlechtert, „auch für Pendler, die dann vielleicht wieder auf das Auto umsteigen, und das nur um Zeit zu sparen und eine doppelte Streckenführung zu vermeiden.“

Charlotte Westphal ist 13, geht auf das Andreae-Gymnasium, wohnt mit ihren Eltern erst seit zwei Jahren in Öschelbronn. „Bisher war es geschickt, ich bin in der Post eingestiegen, am Herrenberger Bahnhof ausgestiegen und zur Schule gelaufen. Das geht jetzt nicht mehr, weil der Schulbus nur noch bis zum Hallenbad fährt.“ Die Lösung? Charlotte steigt weiterhin an der Post ein, fährt mit der Linie 777 nach Unterjettingen, steigt dort an der katholischen Kirche aus, wartet zehn Minuten und fährt mit dem 774A bis zur Berliner Straße und läuft zum AGH. „Mich ärgert das, weil es viel komplizierter geworden ist. Außerdem gehe ich drei Mal in der Woche zum Boxtraining nach Nebringen, auch dafür muss ich erst einmal durch ganz Öschelbronn laufen.“ Ihre Mutter Petra Westphal sitzt kopfschüttelnd daneben. „Bei uns ist das allabendlich ein Thema, das ist eine Katastrophe.“ Sonja Gröger ist Öschelbronnerin durch und durch, ihre Enttäuschung verbirgt sie nicht. „Öschelbronn ist ein vergessener Flecken, ich überlege mir, Gäufelden den Rücken zu kehren.“

Bei Bürgermeister Benjamin Schmid ist die Verärgerung angekommen. „Es haben sich einige bei mir gemeldet.“ Er verstehe den Unmut, „es gibt eine neue behindertengerechte Bushaltestelle und die wird nicht angefahren und der nördlich Teil des Ortes ist abgehängt. Das ist schade.“ Bereits im Wahlkampf sei er auf das Thema angesprochen worden, habe versucht, an dem Beschluss von 2017 zu rütteln, aber die Entscheidung liegt nicht bei der Gemeinde. „Ich hatte im November ein Gespräch beim Landratsamt, aber da war es schon zu spät.“ Die Beschwerden „nehme ich ernst und werde dies weitergeben“.

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Erstellt:
11. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 41sec

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