Bezirk Böblingen/Calw wird auseinandergerissen

Der Württembergische Fußballverband (WFV) hat am gestrigen Mittwoch seine Pläne für eine Verbandsstruktur vorgelegt, die beim Verbandstag im nächsten Jahr beschlossen werden soll. Die Neuziehung von Bezirksgrenzen hat für den Bezirk Böblingen/Calw schwerwiegende Folgen, wird doch der bisherige Bezirk geteilt und an Nachbargebiete angekoppelt.

Der bisherige Zuschnitt des WFV-Verbandsgebiets mit 16 Bezirken (linke Karte) soll sich bis in drei, vier Jahren gravierend verändern: Vorgeschlagen ist unter anderem die mögliche Variante 1-4-12c mit dem neu gefassten Landesliga-Gebiet der Staffel 2 (blau)GB-Grafik: LGL/WFV

Der bisherige Zuschnitt des WFV-Verbandsgebiets mit 16 Bezirken (linke Karte) soll sich bis in drei, vier Jahren gravierend verändern: Vorgeschlagen ist unter anderem die mögliche Variante 1-4-12c mit dem neu gefassten Landesliga-Gebiet der Staffel 2 (blau)GB-Grafik: LGL/WFV

Der 28-seitige Abschlussbericht der Strukturkommission, die seit 2018 mehrere Arbeitssitzungen abhielt und insgesamt acht Regionalkonferenzen veranstaltete (wir berichteten), wurde gestern von den Kommissionsleitern Steffen Jäger (WFV-Vizepräsident) und Harald Müller (Vorsitzender des Verbandsspielausschusses) in einer Pressekonferenz vorgestellt. Gleichzeitig wurde das Papier via WFV-Postfach an die Bezirksmitarbeiter und die Vereine versendet. Die Strukturkommission gab nur Empfehlungen ab, die nun in einer Beschlussvorlage münden sollen, die am Samstag, 8. Mai 2021, beim nächsten Verbandstag beschlossen werden sollen. Die Tendenz geht dahin, dass aus momentan 16 Bezirken zwölf Spielgebiete respektive Bezirke gebildet werden sollen.

Die Ausgangslage

Bereits vor fünf Jahren bildete sich eine Kommission, die sich damit beschäftigen sollte, das bisher im WFV-Gebiet angewandte Spielklassensystem auf den Prüfstand zu stellen. Überregional liebäugelte der Verband zudem damit, aus bisher vier Landesliga-Staffeln drei Staffeln zu bilden, so dass sich auch die Zahl der Absteiger aus der Verbandsliga, der höchsten Spielklasse im WFV, ein wenig verringern sollte. Der Vorschlag der Kommission für ein neues Spielsystem wurde aber nicht umgesetzt, weil die Experten der Meinung waren, dass sich dafür auch die Verbandsstrukturen, sprich die Bezirksgrenzen ändern müssten.

Ausgangspunkt war nunmehr die ungleiche Verteilung von Aktiven- und Reservemannschaften zwischen den 16 Bezirken. Ein kleiner Bezirk wie Zollern (83 Mannschaften) oder Riß (104) könnte angesichts abnehmender Mannschaftzahlen bald keinen zukunftsfähigen Spielbetrieb mehr gewährleisten, anders dagegen Ostwürttemberg (213) oder Donau/Iller (200). Die neu gebildete Strukturkommission nahm auch die Entwicklung der Mannschaften im A- und B-Jugend-Bereich über einen Zeitraum von fünf Spieljahren unter die Lupe. Hier hatte der hiesige Bezirk von 2014/15 bis 2019/20 einen Rückgang von 26 Prozent bei der A-Jugend und bei der
B-Jugend von 17 Prozent zu verzeichnen. Zudem nahm die Bildung der Spielgemeinschaften im Jugendbereich enorm zu und machte bei der A- und B-Jugend weit über 50 Prozent aller Mannschaftsmeldungen aus. Steffen Jäger: „Wenn der Fußball immer noch als Volkssport gelten will, ist Veränderungsbedarf gegeben, soll er weiter flächendeckend angeboten werden.“

Die Berechnungen

Steffen Jäger redete nicht um den heißen Brei herum: „Wenn es die Vorgabe gibt, die Zahl der Bezirke von 16 auf zwölf zu verringern, kommt es zwangsläufig zu einer Veränderung und damit würde auch die eine oder andere Härte mit einhergehen.“ Deshalb hat die Kommission bei ihrer Untersuchung die kleinste Organisationseinheit innerhalb eines Bezirks in die Überlegungen aufgenommen – und dies waren die Schiedsrichtergruppen. Insgesamt verteilen sich 39 SR-Gruppen auf die bisher 16 Bezirke. Zudem wurde bei einer Veränderung der Bezirkszuschnitte, so Jäger, ein „idealtypisches Spielsystem“ angenommen. Dieses besteht in der Regel aus einer Bezirksliga, maximal drei Kreisligen A und darunter höchstens neun B-Liga-Staffeln, was zusammengerechnet rund 190 Mannschaften umfassen könnte. Bei einer Bezirksliga, zwei A-Ligen und vier B-Ligen wären 104 Mannschaften als kleinste Größe unterzubringen. „Diese Grundannahme für die Mannschaftszahlen wurde für alle Modelle nie infrage gestellt“, so Jäger. Gerechnet mit den aktuellen Mannschaftszahlen, kamen die Berechnungen für das kleinste Spielgebiet auf 138 Mannschaften und das größte auf 199 Teams.

Die Lösung

Die neuen Bezirksgrenzen wurden so gezogen, dass keine Schiedsrichtergruppe aufgelöst oder geteilt werden musste, sondern alle 39 Gruppen wurden auf die zwölf Spielgebiete verteilt. Insgesamt, so Harald Müller, habe die Kommission an die 20 Modelle überprüft. Bereits vor der zweiten Vereinsrunde mit den Regionalkonferenzen zeichneten sich zwei Lösungen ab. Das von der Verbandsspitze favorisierte Modell „1-3-9“ (eine Verbandsliga, drei Landesligen und neun Bezirke, sprich Bezirksligen) hatte die Crux, so Harald Müller, dass in diesem Modell auf überregionaler Spielebene „erhebliche längere Fahrstrecken“ angefallen wären. Ein weiteres vorgeschlagenes Modell, mehrere nebeneinanderliegende Bezirke einfach zusammenzulegen, bis es eben neun Bezirke geworden wären, hätte laut Müller keinen „ausgeglichenen Wettbewerb“ gewährleistet.

So wurde schließlich das Modell „1-4-12“ (eine Verbandsliga, vier Landesligen und zwölf Bezirke) als ein „belastbares, zukunftsfähiges Modell“ (Müller) vorgestellt. Dies sieht allerdings vor, den Bezirk Böblingen/Calw analog zu seinen beiden getrennt agierenden Schiedsrichtergruppen – es gibt eine Gruppe Böblingen und eine Gruppe Calw – auseinanderzureißen und quasi zur Hälfte aufzuteilen. Die Vereine aus dem Landkreis Calw, darunter auch Landesligist VfL Nagold, sollen mit dem Nachbarbezirk Nördlicher Schwarzwald fusionieren. Die Clubs aus dem Böblinger Raum, unter anderem Verbandsligist VfL Sindelfingen, die Landesligisten FC Gärtringen, SV Böblingen, TSV Ehningen, Spvgg. Holzgerlingen und der TV Darmsheim bilden mit dem Bezirk Stuttgart einen neuen „Bezirk 1“.

In der letzten Sitzung der Strukturkommission wurde mehrheitlich mit 9:3 Stimmen für die Variante „1-4-12“ gestimmt. Lediglich die Bezirke Böblingen/Calw, Alb und Ostwürttemberg hatten die weitergehende Variante „1-3-9“ präferiert. In letzterem Plan wäre der Bezirk Böblingen/
Calw als gesamter Bezirk mit dem benachbarten Bezirk Nördlicher Schwarzwald zusammengelegt worden.

Die Folgen

Die Variante mit zwölf Bezirken, die im Übrigen von rund 71 Prozent der Vereinsvertreter bei den Regionalkonferenzen befürwortet wurde („1-3-9“ kam nur auf 27 Prozent), wurde in den letzten Monaten noch überarbeitet. So soll der neue „Bezirk 1“ mit den Stuttgarter und Böblinger Vereinen in die Landesliga-Staffel 2 eingruppiert werden (Variante „1-4-12c“). Der alte Bezirk Stuttgart ist bereits dort eingeteilt. Da das Gebiet der Landesliga-Staffel 2 bis an die bayerische Grenze reicht, muss der Gäuclub FC Gärtringen als Beispiel zum Auswärtsspiel zum FV Sontheim/Brenz die einfache Strecke von 135 Kilometern zurücklegen. Zum Vergleich: In der Staffel 3 waren bislang die weitesten Entfernungen nach Tuttlingen oder Schwenningen knapp unter der 100-Kilometer-Marke. In Bezug auf den Bezirk Schwarzwald ist allerdings die Variante „1-4-12c“ kostensparender, wurden sie in einer ursprünglichen Variante doch in die Landesliga-Staffel 4 eingruppiert, die bis zum Bodensee (Raum Ravensburg) reicht.

Da im Bezirk Stuttgart seit vielen Jahren ohne einen Reservespielbetrieb gespielt wird, ist davon auszugehen, dass der Böblinger Bereich bei der Neueinteilung bei zuletzt nur noch sieben Vereinen mit einer Reservemannschaft ebenfalls die Bildung von zweiten Mannschaften in Konkurrenz einführen wird.

Die Jugend wird zum kommenden Spieljahr schon bezirksübergreifend das „1-3-9“-System spielen. Dabei arbeitet der Bezirk Böblingen/Calw mit den Nachbarbezirken Alb und Nördlicher Schwarzwald zusammen. Daran sollte laut Harald Müller vorerst nicht gerüttelt werden: „Es ging ja auch darum, dass man mit bezirksübergreifenden Einteilungen effektive Mannschaftszahlen pro Staffel bekommt.“ Wenn dann in den Bezirken andere Zuschnitte erfolgt sind, könnte man das System in der Jugend dann noch strukturell anpassen.

Der Zeitplan

Die nunmehr veröffentlichte Empfehlung der Strukturkommission wird laut WFV-Geschäftsführer Frank Thumm nunmehr von Verbandsvorstand und Beirat beraten und ein Beschlussvorschlag bis spätestens Frühjahr 2021 formuliert werden. Stimmt der Verbandstag am 8. Mai positiv über die neuen Bezirksgrenzen ab, so rechnet Harald Müller mit der Umsetzung „frühestens bis in drei Jahren“. So gesehen könnte es für einen neuen „Bezirk 1“ mit Stuttgarter und Böblinger Vereinen noch bis zum Spieljahr 2024/25 dauern.

Steffen Jäger räumte „Härten“ für einzelne Bezirke einGB-Foto (Archiv): gb

Steffen Jäger räumte „Härten“ für einzelne Bezirke einGB-Foto (Archiv): gb

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Erstellt:
4. Juni 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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