„Ich habe meine Leidenschaft zurückbekommen“

Christiane Hornung (vorne rechts) ist die wiedergewonnene Freude anzusehen – auch wenn sie sich nur in den markierten zehn Quadratmetern bewegen darf GB-Foto: Vecsey

Christiane Hornung (vorne rechts) ist die wiedergewonnene Freude anzusehen – auch wenn sie sich nur in den markierten zehn Quadratmetern bewegen darf GB-Foto: Vecsey

Tanz bedeutet für mich mehr als die bloße Bewegung zur Musik – Tanz ist ein Teil von mir und meinem Leben. Kein Wunder, dass ich nahezu jeden Abend in der Ballettschule verbringe und dort das Glück habe, meiner Leidenschaft nachgehen zu können. Besonders angetan hat es mir dabei das Klassische Ballett, das für mich die vollkommene Vollendung der Kunst des Tanzes darstellt. Anmut, Kraft, Präzision und Schönheit, das bedeutet Ballett für mich. Wenn ich tanze, fühle ich mich eins mit meinem Körper und mir selbst. Neben dem Ballett widme ich mich zudem auch dem Jazztanz und versuche mich im Hip-Hop, was nach Jahren des klassischen Trainings allerdings eine nicht zu unterschätzende Herausforderung darstellt. Meine Leidenschaft für das Tanzen ist groß – umso schlimmer war jener Freitag, der 13. März, für mich, als der Corona-Shutdown auch die Tanzschulen dazu zwang, ihren Betrieb erst einmal auf unbestimmte Zeit einzustellen.

Anstelle des regelmäßigen Trainings zusammen mit guten Freunden trat erst einmal eine Leere und irgendwann die Frage, wie sich die mühevoll angeeigneten Bewegungen, Schrittfolgen, Dehnbarkeit und die Technik über diesen langen Zeitraum erhalten ließen. Erfreulicherweise rückte die Tanzwelt im Zuge der Pandemie noch enger zusammen, als dies ohnehin schon oft der Fall war. Im Internet verbreiteten sich unzählige Videos und frei zugängliche Online-Klassen. Zoom wurde, auch in unserer Tanzschule, zumindest zur Möglichkeit, Live-Trainings abzuhalten und wenigstens das Gefühl aufkommen zu lassen, dass der schwer vermisste Kontakt gehalten wird. Leider vermag ein Online-Unterricht die Interaktion und das Erlebnis eines „richtigen“ Tanzunterrichts nur ansatzweise zu kompensieren.

Wir wurden während des Lockdowns vor große Herausforderungen gestellt, denn sowohl die zum effektiven Training benötigten räumlichen Verhältnisse als auch die optimale Bodenbeschaffenheit vermag nur eine Tanzschule zu bieten. In meinem Fall waren Dachschräge und Teppichboden die größten Hindernisse, die sowohl raumgreifende Bewegungen und hohe Beine erschwerten als auch Drehungen, die über eine einzelne Pirouette hinausgingen – wenn überhaupt. Dennoch bin ich unglaublich dankbar für die Zoom-Klassen, die in diesen verrückten Zeiten zumindest für wenige Momente ein Gefühl der Normalität zurückgaben. Wenn ich tanze, vergesse ich alles um mich herum und so war auch Corona für eine gute Stunde wenigstens kurz ganz weit weg.

Umso größer war die Freude, in der vergangenen Woche wieder an jenen Ort zurückzukehren, den ich während der Pandemie einfach nur schmerzlich vermisst habe und an dem ich zuvor zahlreiche Stunden damit verbracht habe, an mir zu arbeiten, Freunde zu sehen, gemeinsam zu trainieren und mich ganz dem Tanz hinzugeben. Allein der Gedanke, wieder einen Ballettsaal zu betreten, verschaffte mir in den Tagen zuvor nicht nur einmal feuchte Augen. Hinzu kam jedoch auch die gespannte Erwartung, wie das Training nun wohl ablaufen würde. Denn auch wenn wir wieder in den Tanzschulen trainieren dürfen, sehen wir uns mit strengen Auflagen konfrontiert, die ein normales Training derzeit noch unmöglich machen. Anstatt raumgreifenden Bewegungen wie Piquet-Drehungen durch die Diagonale oder auch großen Sprüngen nachzugehen, haben wir uns innerhalb unseres persönlichen Raums von zehn Quadratmetern zu bewegen und diesen dabei auch nicht zu verlassen. Anstrengend sollte das Training überdies ebenso wenig sein, stattdessen sind statische Bewegungen vorgeschrieben.

Ein klassisches Balletttraining beginnt im Normalfall zudem eigentlich an der Stange, die als Vorbereitung für die anschließenden Übungen im Raum – oder der „Mitte“, wie es im Tänzer-Jargon heißt, dient. Da hierfür jedoch ein Abstand von mindestens 2,50 Metern gefordert wird, fanden wir uns in der vergangenen Woche gleich zu Beginn der Stunde in unserer persönlichen „Mitte“ wieder und stellten uns der Herausforderung, die Grundbewegungen des Klassischen Balletts gleich zu Beginn ohne unser „Hilfsmittel“ auszuführen. Balance und Koordination erhalten im Zuge dessen noch einmal einen ganz neuen Stellenwert und ich hoffe, dass wir in dieser Hinsicht Corona wenigstens einen Vorteil abgewinnen können. Die starren Regeln, die den Tanzschulen auferlegt wurden, machen insbesondere in den höheren Klassen ein annähernd normales Training nach wie vor unmöglich, denn alleine schon mehrere schnelle Drehungen könnten ein Zuviel an Luftverwirbelungen, Stichwort Aerosole, darstellen. Nicht zuletzt fehlt mir das gesellige Beisammensein vor und nach dem Unterricht, denn die Umkleidekabinen dürfen nicht benutzt werden, die Trainingskleidung muss bereits zu Hause angezogen werden.

Nichtsdestotrotz fühle ich mich seit der vergangenen Woche wieder ein Stück weit befreiter und vollständiger. Auch wenn wir vom regulären Unterrichtsgeschehen noch weit entfernt sind, tanze ich dennoch wieder. Ich habe meine Leidenschaft zurückbekommen, treffe wieder Menschen, die ich lange nicht gesehen und schmerzlich vermisst habe und kann Corona wenigstens kurz vergessen und mich ganz der für mich vollkommenen Kunst hingeben. CHRISTIANE HORNUNG

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Erstellt:
30. Juni 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

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