In den Gesichtern spiegelt sich das Leben wider

Demenz ist ein Schreckwort, der Name einer Krankheit, der man hilflos gegenübersteht, nicht zuletzt als Angehöriger Betroffener. Eine Ausstellung, die nun in der Herrenberger Stadt-bibliothek eröffnet hat, möchte ein anderes Licht werfen auf ein Leiden, das mehr und mehr Menschen betrifft. „Das Leuchten in den Augen“ heißt sie, sucht und findet die Würde von Menschen wieder, deren Gedächtnis schwindet.

„Das Leuchten in den Augen“ nehmen die Besucher der Vernissage in Augenschein GB-Foto: Bäuerle

„Das Leuchten in den Augen“ nehmen die Besucher der Vernissage in Augenschein GB-Foto: Bäuerle

Gesichter, sind es, die sehr lebhaft in die Kamera schauen, auch wenn ein Nebel sich manchmal merklich über ihre Blicke legt. Es sind, natürlich, die Gesichter alter Menschen, Gesichter auch, in denen sich das Leben widerspiegelt. Menschen, die an Demenz erkrankt sind, Bewohner eines gerontopsychiatrischen Zentrums in Wiesloch, Nordbaden.

Monika Hanke, Diplom-Sozialarbeiterin mit Zusatzausbildung, arbeitet im „Erinnerungscafé“ dieses Zentrums, begegnet Menschen, die unter Demenz leiden, Tag für Tag, erlebt nicht nur ihr Leiden, sondern auch ihr Glück. Die Ausstellung „Das Leuchten in den Augen“ entstand in Wiesloch, reist seit etwa acht Jahren durch Deutschland – das bedeutet natürlich auch: eine Anzahl der Menschen, die auf den Schwarz-Weiß-Bildern zu sehen sind, die der Fotograf Sven Fritzsch aufnahm, ist bereits verstorben; eine Ausstellung, die sich Menschen widmet, denen die Erinnerung entgleitet, wird so auch zu einer Ausstellung, die an diese Menschen erinnert.

Die emotionale Intelligenz
haben sich die Betroffenen erhalten

In der Herrenberger Stadtbibliothek zu sehen sind nur Fritzschs Fotografien: ausdrucksstark, klar fokussiert auf das menschliche Moment, die Emotion, die noch lebt, stärker vielleicht als zuvor zum Ausdruck kommt, in Gesichtern, die lachen, staunen, die nachdenklich blicken, vielleicht nach etwas zu suchen scheinen, träumen, dann wieder ganz gegenwärtig sind. Die rationale Intelligenz, dies sagt Monika Hanke, mögen die an Demenz Erkrankten verloren haben, ihre emotionale Intelligenz haben sie behalten. Das heißt: Sie sind vielleicht nicht mehr in der Lage, die Situation, innerhalb derer sie kommunizieren, korrekt aufzufassen, zu analysieren, in einem zeitlichen Rahmen einzuordnen – aber sie reagieren mit echten Gefühlen, erkennen die Menschen, denen sie begegnen, durch sie wieder.

Und unter jedem dieser Schwarz-WeißBilder befindet sich eine kleine Karte, auf der ein Satz steht, in Anführungszeichen, ein Zitat der gezeigten Person – Erinnerungssplitter, ganz einfache Einsichten, oder vielleicht ein Vers aus einem alten Volkslied. „’Im Odenwald steht ein Bauernhaus so hübsch und rein’ – das haben wir beim Wandern geträllert“, sagt das Bild einer Frau. „Dreaming of America“, das einer anderen. „Genug geschafft!“ – diese Worte gehören einem Mann, der verloren schaut, die Hand am Gesicht. „Als das ganze Haus nach Himbeermarmelade duftete…“, sagt wieder eine Frau. „Wo ist mein Zuhause??“, fragt eine, die Hand erhoben.“ Zu den Bildern auf dem Fotopapier gehören Bilder, ungreifbar, die durch die Zitate evoziert werden, im Geist der Kranken leben. „Früher“, sagt ein Mann, auf seine gefalteten Hände gestützt, „war nicht alles besser, aber die Menschen haben zusammengehalten.“

Monika Hanke kam am Donnerstagabend nach Herrenberg, traf, dank abenteuerlicher Verkehrslage, viel später in der Volkshochschule ein, als erwartet, sprach dann lange über ihre Arbeit, über den Umgang mit demenzerkrankten Menschen überhaupt, über die Momente des Glücks, die sich in diesen späten und in der Zeit verlorenen Leben dem Zerfall entgegenstemmen, nahm der Krankheit zwar nicht jeden Schrecken, eröffnete jedoch kleine Perspektiven, die sie in humaneres Licht tauchen.

Sie kam auf Einladung der Stadtbibliothek und der Reihe „ThesA – Themen des Alters“, die die Bibliothek in Zusammenarbeit mit der IAV-Stelle der Stadt Herrenberg veranstaltet. Am Donnerstag führe Monika Hanke das interessierte Publikum, das zur Eröffnung der Ausstellung erschienen war, auch an den Fotografien vorbei, die im ersten Stock der Stadtbibliothek zu sehen sind, und erzählte von den Situationen, in denen sie alle entstanden, bei denen sie zugegen war. Simone Kubins spielte auf dem Akkordeon. Die Ausstellung wird in der Stadtbibliothek zu sehen sein bis Samstag, 21. Dezember.

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Erstellt:
23. November 2019, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 48sec

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