Lehrfarm als Langzeitprojekt

„Gäubote“-Weihnachtsaktion: „Eine Welt mit Zukunft“ durch Agrar- und Bildungsinitiative, die Perspektiven für die Landbevölkerung schaffen.

Jutta Krause

Olatunji Akomolafe (Komo) ist einer der Partner des Weltladens in Herrenberg.GB-Foto: Schmidt

Olatunji Akomolafe (Komo) ist einer der Partner des Weltladens in Herrenberg.GB-Foto: Schmidt

Der Verein „Partnerschaft Dritte Welt.“ betreibt nicht nur den Weltladen am Herrenberger Marktplatz und bietet Herrenberger Bürgern eine Vielzahl an Informations- und Bildungsangeboten zum Themenkreis fairer Handel und globale Gerechtigkeit. Eine wichtige Säule der Vereinsarbeit ist die direkte Unterstützung ausgewählter Projektpartner, auf der auch die „Gäubote“-Weihnachtsaktion in Zusammenarbeit mit „Miteinander – Füreinander“ fokussiert ist.

Einer dieser Projektpartner ist Chief Olatunji Akomolafe, den alle Welt einfach Komo nennt. Die Verbindung zu dem nigerianischen Diplom-Agraringenieur besteht seit vielen Jahren und hat sich längst als erfolgreiche Partnerschaft etabliert. Bereits Mitte der 1980er Jahre kam Komo auf den Verein zu – mit einem frischen Diplom der Internationalen Universität in Kassel in der Tasche und einer großen Vision im Kopf: Er wollte der Armut der Landbevölkerung und der Landflucht in seinem Heimatland mit einem Projekt entgegentreten, das den Menschen im ländlichen Raum neue Perspektiven und auskömmliche Arbeit bieten konnte: Das „Village Pioneer Project“ (VPP). Im Mittelpunkt seiner Vision stand die Entwicklung der dörflichen Landwirtschaft zur Selbstversorgung und für den Binnenmarkt. Zu diesem Zweck wollte er eine Lehrfarm aufbauen, an der jungen Menschen die dazu nötigen Fähigkeiten vermittelt werden. Dort sollte ein an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasster, nachhaltig und ökologisch ausgerichteter Landbau unterrichtet werden, der sich aus traditionellem afrikanischem Wissen und moderner Agrarwissenschaft zusammensetzt.

Besonders wichtig war ihm dabei das Prinzip „Planung von unten“, das sich direkt an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientiert und sie dazu befähigt, ihre Situation zu verbessern, anstatt zu versuchen, die großen Strukturen zu ändern. „Die Zukunft eines Landes wie Nigeria ist nur über die Landwirtschaft gesichert“, ist Komo, der jüngst erst in Herrenberg weilte, überzeugt. „Sie ist der einfachste Weg, Arbeit zu schaffen. Land ist oft auch das einzige Kapital zur Existenzsicherung. Das Village Pioneer Projekt schafft Gemeinschaften, die sich selber versorgen können.“ Zusammen mit seiner Frau Elvira wollte er sich im Südwesten von Nigeria an die Arbeit machen, doch noch fehlte es an Startkapital. „Ich habe die Adressen von Weltläden aus dem Telefonbuch herausgesucht und sie wegen Spenden oder Sachspenden angeschrieben. Terry Locher (die damalige Vorsitzende des Vereins, Anm. der Red.) hat mich nach Herrenberg eingeladen. Sie kannte mich nicht, wollte sich aber meine Ideen anhören“, erinnert er sich.

Offensichtlich konnte Komo die Herrenberger überzeugen – ebenso wie eine Reihe weiterer Förderer. 1985 baute er im etwa 250 Kilometer nordöstlich von Lagos gelegenen Ajue im Bundesstaat Ondo eine kleine Lehrfarm auf. Eine der ersten Aktionen war die Bohrung eines Brunnens, der seither für frisches Trinkwasser sorgt. Nach und nach etablierte er den Anbau diverser Nahrungs- und Heilpflanzen, und der Viehzucht. Nachdem die Grundversorgung abgedeckt war, kamen nach und nach weitere, oft traditionelle, handwerkliche Fähigkeiten wie Schmieden, Hausbau, Töpfern oder Textilverarbeitung hinzu, so dass die Schüler auf der Lehrfarm viele praktische Fertigkeiten erlernen können, die ihnen später helfen, verschiedene Einkommensquellen zu haben und dadurch unabhängiger von saisonalen Schwankungen und Missernten zu werden. Zugleich legte er viel Wert auf die Bildung von Kindern und unterstützte nahe gelegene Schulen mit Mobiliar und Arbeitsmaterial.

Mit immer neuen Ideen verfeinerte Komo seine Vision, der er sein Leben verschrieben hatte. Ob mit der erfolgreichen Kreuzung von Deutschen Riesen mit afrikanischen Hasen, die VPP nicht nur landesweite Aufmerksamkeit, sondern auch den Namen „Rabbit People“ – „Hasenmenschen“ – einbrachte, mit der Pflanzung zahlreicher Bäume und die Pflege alter Kultur- Methoden oder mit der ersten Biogasanlage Nigerias: Stets gelang es ihm, mit seinen originellen Ideen, das Projekt nicht nur am Laufen zu halten, sondern stetig zu vergrößern. Heute betreibt VPP sieben Farmen, unterstützt fünf Schulen, was für die ländliche Entwicklung elementar wichtig ist und macht sich dafür stark, traditionelle Kultur und Wissen zu erhalten.

„Ich habe in den 36 Jahren seit der Gründung von VPP über 3000 Menschen ausgebildet. Viele davon sind jetzt Eltern und ernähren ihre Familien mit Landwirtschaft oder haben ihre eigenen Projekte aufgebaut. Einige sind auch Lehrer oder Politiker geworden“, erzählt Komo nicht ohne Stolz. Er hat hart gearbeitet für den Erfolg seiner Idee – und hatte Partner zur Seite, die ihn verlässlich unterstützten. „Wir haben immer Hilfe bekommen – etwa aus Herrenberg, wo der Verein Partnerschaft Dritte Welt uns regelmäßig bedacht hat – und von anderen Weltläden und Schulen. Ohne die Hilfe aus Deutschland wäre das Projekt nicht zustande gekommen. Wir hätten es nicht alleine geschafft“, betont Komo. Mittlerweile tragen sich die verschiedenen Projektzweige des VPP selber, Spenden werden nur noch benötigt, wenn eine größere Neuanschaffung ansteht. Wie beispielsweise die neue Solaranlage, die die Lehrfarm weniger abhängig von der – völlig unzuverlässigen – Stromversorgung des Landes machen soll. Oder die beiden Stau-Becken zur Bewässerung für ein Projekt, in dem benachteiligte Frauen sich durch Stecklingsanbau eine Existenz aufbauen können. Ideen hat er noch viele, doch hat Komo auch schon für Nachfolger gesorgt, so dass das Projekt auch ohne ihn weiterlaufen könnte. „Wenn alle gut ausgebildeten Leute abhauen, wer soll dann Afrika aufbauen? Man muss im eigenen Land Verantwortung übernehmen“, ist er überzeugt.

Eine Welt mit Zukunft

Eine Welt mit Zukunft: Die diesjährige „Gäubote“-Weihnachtsaktion in Kooperation mit dem Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ steht unter diesem Leitmotiv. Die Spenden kommen – wie immer – direkt und unbürokratisch Menschen dem in der Weihnachtsaktion unterstützten Projekt zugute: Dieses Jahr geht es um die Unterstützung von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika insbesondere über den fairen Handel und das Engagement des Vereins „Partnerschaft für die Dritte Welt“, der zahlreiche Projekte in den Ländern der sogenannten Dritten Welt fördert. Diese Arbeit gilt es nachhaltig zu sichern.

Dem Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ gehören neben Kirchen und Behörden auch Vertreter karitativer Einrichtungen und engagierte Bürger an. In den zurückliegenden drei Jahrzehnten spendeten die Menschen in Herrenberg und dem Gäu über 1,7 Millionen Euro für die einzelnen Weihnachtsaktionen – eine stolze Summe, für die wir uns herzlich bedanken.

Gerne veröffentlicht der „Gäubote“ auch bei dieser Weihnachtsaktion Ihren Namen und Wohnort, wenn Sie spenden – sowohl in der Printausgabe als auch auf dem Online-Portal www.gaeubote.de. Hierzu müssen Sie allerdings ausdrücklich Ihre Zustimmung geben. Bei Überweisungen, auf denen das Einverständnis nicht ersichtlich wird, verzichten wir auf die Namensnennung. Hierfür bitten wir um Verständnis. Bis zu einem Betrag von 200 Euro gilt der Einzahlungsbeleg als Nachweis für das Finanzamt. Für größere Einzahlungen erhalten Sie automatisch eine Spendenbescheinigung, weshalb Sie unbedingt Ihre Adresse angeben sollten.-gb-

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Erstellt:
18. Dezember 2021, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 23sec

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