Leid der Nutztiere soll sichtbar gemacht werden

Eng zusammengepferchte Tiere ohne Wasser und Nahrung, die sich vor lauter Hunger mitunter gegenseitig anfressen: Verstörend sind die Szenerien, die sich in Viehtransportern innerhalb und außerhalb Europas zutragen. Petra Kletzander will diese Zustände so nicht länger hinnehmen. Im Frühjahr gründete die Bondorferin gemeinsam mit einer befreundeten Lörracherin das Aktionsbündnis „mensch_fair_tier“.

Nadine Dürr

Petra Kletzander engagiert sich für den Tierschutz: „Wenn die Schlachthäuser aus Glas wären, wären wir alleVegetarier“ GB-Foto: Holom

Petra Kletzander engagiert sich für den Tierschutz: „Wenn die Schlachthäuser aus Glas wären, wären wir alle Vegetarier“ GB-Foto: Holom

Seit rund 14 Jahren fühlt sich Petra Kletzander dem Tierschutz verbunden, im Jahr 2010 organisierte sie bereits ihre erste Benefizveranstaltung für die von ihr unterstützte Organisation „Animals’ Angels“. Den entscheidenden Anstoß für eine eigene Initiative lieferte dann ein Fernsehbeitrag im November 2017: Als die ZDF-Sendung „Geheimsache Tiertransporte“ die 51-Jährige mit gequälten Transporttieren konfrontierte, war es um die Bondorferin geschehen. Empörung machte sich breit. „Außerhalb der EU gibt es keine Gesetze, an der türkischen Grenze hört der Tierschutz auf: Die Tiere stehen da in sengender Hitze, haben Hunger und Durst – und das manchmal mehrere Tage und Wochen“, schildert Kletzander die Missstände. Bilder von durchtrennten Rindersehnen und ausgestochenen Tieraugen setzen ihr noch heute zu. „Die Tiere werden auf bestialische Weise umgebracht. Als ich das gesehen habe, konnte ich nicht mehr schlafen, ich war traumatisiert. Seither lässt mich das Thema nicht mehr los“, sagt die ausgebildete Fitnesstrainerin.

Schockiert tauschte sie sich nach diesen Eindrücken auf der Web-Präsenz des Fernsehsenders mit Gleichgesinnten aus, denen die brutalen Szenen ebenfalls keine Ruhe mehr ließen. Der Wunsch, etwas an den Gegebenheiten zu ändern, hatte von vielen Zuschauern Besitz ergriffen und lieferte die Initialzündung für eine ganze Reihe von Initiativen – darunter auch jene von Petra Kletzander. Nachdem der Verein „Lebenshilfe Kuh“ den ersten Anstoß gegeben und am 22. Januar 2018 spontan eine Demo gegen Tiertransporte in Brüssel organisiert hatte, wandte sich die Bondorferin an Simone Forgé, eine Lörracherin, die sie auf der Online-Plattform des Senders kennengelernt hatte – und die beiden taten sich zusammen.

Der Name des Bündnisses, das die zwei Frauen im März 2018 gründeten, stand rasch fest: „mensch_fair_tier“. Das Leid der sogenannten Nutztiere nämlich sehen die beiden Frauen nicht als isoliertes Problem: „Wir sind alle miteinander verbunden und Tierschutz ist Menschenschutz. Wenn wir lernen, mehr Respekt zu haben für unsere Mitgeschöpfe, entwickeln wir auch Respekt und Achtung gegenüber der Natur und den Menschen. Das ist der Zusammenhang.“ Deshalb tritt das Bündnis zugleich für eine Agrarwende und ein verändertes ökologisches Bewusstsein ein. „Die heutige Landwirtschaft ist für die Zukunft nicht mehr tragbar“, sagt die gebürtige Wüstenroterin, die seit 2008 in Bondorf lebt. „Wenn man weiß, wie viele Flächen Regenwald gerodet werden, um Futter für die Tiere anzubauen, muss man sagen: Das ist ein geopolitisches Problem. Menschen hungern, die Umwelt wird zerstört und die Massentierhaltung trägt maßgeblich zum Klimawandel bei.“ Das Bündnis wolle Landwirte und die Landwirtschaft nicht an den Pranger stellen, unterstreicht Kletzander, man fordere jedoch von der Politik, kleine, ökologisch wirtschaftende Betriebe, die auf das Wohlergehen ihrer Tiere achten, stärker zu subventionieren.

Petition ging an alle Landtage

Die Bondorferin will nicht falsch verstanden werden: „Wir sind keine militanten Tierschützer. Respekt und Achtung sind uns das Wichtigste.“ So erklärt sich auch der Umstand, dass die 51-Jährige zwar seit einiger Zeit selbst vegan lebt, die Ernährungsweise im Aktionsbündnis aber nicht thematisiert: „Diese Diskussion wollen wir nicht, denn sie spaltet und hilft keinem Tier. Man muss kein Veganer sein, um Tiertransporte abzulehnen. Wir haben auch Fleischesser in der Gruppe und arbeiten gemeinsam das aus, was uns verbindet. Es ist effektiver, wenn man niemanden ausgrenzt.“

Mittlerweile 30 Mitstreiter zählt das Bündnis, wobei Forgé als „Innenministerin“, Kletzander als „Außenministerin“ fungiert, wie sie sagt. Man trifft Politiker im Rahmen von Bürgersprechstunden, vernetzt sich mit anderen Tierschutzorganisationen, schreibt Leserbriefe und erstattet Anzeige beim Verbraucherschutz: „Zum Beispiel das staatliche Tierwohl-Label: Das kann ja nicht sein, dass der Kilopreis Fleisch trotzdem bei 1,11 Euro bleibt!“ Der jüngste Streich der Tierschützerinnen: eine von fast 10000 Bürgern unterzeichnete Petition zum Verbot von Nutztiertransporten in EU-Staaten und Drittländer, die man vor drei Monaten startete und jetzt an die Petitionsausschüsse aller Landtage und den Bundestag abgeschickt hat. Petra Kletzander erklärt: „Das Besondere ist: Wir haben 16 Petenten – in jedem Bundesland einen. Das bedeutet: In jedem Landtag müssen sich zwei oder drei Leute damit beschäftigen. Das hat eine Signalwirkung. Wir möchten zeigen: Wir sind da, wir hören nicht mehr auf! Im 21. Jahrhundert kann man nicht mehr so achtlos mit Tieren umgehen.“

Doch weshalb werden Tiere überhaupt ins europäische und außereuropäische Ausland transportiert? „Das hat rein finanzielle Gründe“, sagt Kletzander. „Man verdient viel Geld in der Fleischindustrie und es zählt nur der Gewinn. Das Mästen zum Beispiel ist in Spanien billiger.“ Vier Millionen Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen würden zudem zum Schlachten aus der EU in Drittländer wie Ägypten oder die Ukraine transportiert. „Das sind utopische Kilometerzahlen“, erklärt Kletzander. Und für die Tiere seien diese Transporte mit viel Leid verbunden. „Unsere Gesetze sind gut und wunderbar“, räumt die Tierschutzaktivistin ein. „Sie besagen, dass die Tierschutzbestimmungen der EU bis zum Zielland eingehalten werden müssen. Das Problem ist aber: Das passiert nicht. Die erforderliche Unterschrift der Veterinäre ist gang und gäbe, obwohl sie nicht wissen, was zum Beispiel in der Ukraine geschieht.“

Zwar habe der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk durchgesetzt, Schlachttiertransporte in Drittländer zu verbieten, der Transport von Zuchttieren sei jedoch noch immer erlaubt. „Und Schlachttiere kann man leicht zu Zuchttieren umdeklarieren“, ist Kletzander überzeugt. Für generell problematisch hält die Bondorferin zudem die Tatsache, dass der Tierschutz und die zuständigen Veterinäre beim Landwirtschaftsministerium angesiedelt sind: „Tierärzte, die sich auf die Hinterbeine stellen, haben es da schwer.“

Auch die mangelnden Kontrollen – etwa ein Prozent aller Tiertransporte wird inspiziert – beanstandet Petra Kletzander: Tierschutzorganisationen wie die „Animals’ Angels“ fahren den Transporten nach, sagt die Tierrechtsaktivistin: „Da weiß man, wie es um die Kontrollen bestellt ist. Die Organisationen machen die Arbeit, die der Staat machen müsste. Sie übernehmen die Arbeit der Polizei.“ Auch bei Lebendtiertransporten innerhalb Deutschlands komme es immer wieder zu Verstößen gegen den Tierschutz, sagt Kletzander: Mal sei die Verladedichte zu eng, es werden verletzte Tiere transportiert, die Tränksysteme funktionieren nicht oder die Ruhezeiten werden nicht eingehalten.

Ein Problem sieht die Bondorferin auch in der Schließung vieler kleiner Schlachtereien zugunsten weit entfernter Großschlachtereien, wo die Tiere im Sekundentakt getötet werden. „Das ist ein Wahnsinn“, meint Kletzander. „Wenn die Schlachthäuser aus Glas wären, wären wir alle Vegetarier. Auch das Bio-Fleisch landet übrigens beim selben Schlachter.“ Von der Politik erwartet sich die 51-Jährige Maßnahmen für mehr Dezentralisierung und eine Förderung von mobilen Schlachteinheiten wie jene der IG Schlachtung mit Achtung, die es dem Landwirt erlaubt, die Tiere direkt auf dem eigenen Hof zu töten.

Fest steht für die Tierschützerin jedenfalls: „Man darf nicht sagen: Man kann eh nichts machen.“ Die von „mensch_fair_
tier“ mitorganisierte Kundgebung auf dem Kölner Heumarkt fand viele Unterstützer: 600 Tierschützer waren am vergangenen Samstag angereist, um gegen Tiertransporte ins Ausland zu demonstrieren, Vorträgen von Peta oder den Tierärzten für verantwortbare Landwirtschaft zu lauschen, und im Anschluss eine Menschenkette zu bilden für die „Millionen von Seelen, die sich jeden Tag quälen, verdammt ihr Leben zu geben“.

Mehr Informationen zum Aktions-bündnis „mensch_fair_tier“ gibt es unter www.mensch-fair-tier.de

Köln: Demo gegen Tiertransporte ins Ausland

Köln: Demo gegen Tiertransporte ins Ausland

Die Kundgebung wurde vom Aktionsbündnis der Bondorferin Petra Kletzander mitorganisiertGB-Fotos: gb

Die Kundgebung wurde vom Aktionsbündnis der Bondorferin Petra Kletzander mitorganisiertGB-Fotos: gb

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Erstellt:
5. Oktober 2018, 00:00 Uhr
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