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Mitten hinein in den Weihnachtswahnsinn

Alle Jahre wieder spielt die Bondorfer Bühne in der Zehntscheuer auf. Mit dem Stück „Die wilden Weihnachtstriebe“ entführten die Schauspieler ihr Publikum in die hektische Vorweihnachtszeit, mitten hinein in den jährlich stattfindenden Weihnachtswahnsinn.

Mitten hinein in den Weihnachtswahnsinn

Telefon mit Wählscheibe: Das neue Stück der Bondorfer Bühne spielt im Jahre 1974 GB-Foto: Schmidt

Man schreibt den 22. Dezember 1974, die Wohnung ist weihnachtlich geschmückt, die letzten Plätzchen werden verziert. Die Frau des Hauses stimmt sich mit dem Lied „Lasst uns froh und munter sein“ auf das Fest ein, als der familiäre Weihnachtsstress beginnt – mit lautstarkem Streit, Missverständnissen und zahlreichen Verwerfungen rund um das liebe Geld und die „bucklige“ Verwandtschaft. Die Zuschauer, die das jährlich wiederkehrende Weihnachtschaos aus eigenem Erleben kennen, lehnen sich entspannt zurück und genießen die Vorstellung.

Das Bühnenbild ist aufwendig und detailliert gestaltet und zeigt die Wohnküche der Familie Knascht. An alles wurde gedacht. Der Kalender zeigt das Jahr 1974, Glitzergirlanden sorgen für weihnachtliches Flair, und ein altes Wähltelefon steht auf dem Beistelltisch. Erwin Knascht – überzeugend dargestellt von Dieter Braun – ist Beamter, Besserwisser, bekennender Geizhals und schikaniert mit seiner Sparsamkeit die ganze Familie. Auf der Jagd nach dem günstigsten Kaufangebot studiert er bergeweise Werbeprospekte. Gleichzeitig kontrolliert er die Heizkörper der Wohnung, damit nicht unnötig geheizt wird.

Seiner Frau Mia ist der Geiz ihres Mannes ein Gräuel. Mit dem Kauf einer wunderschönen Blautanne für 20 Mark hat sie das vorweihnachtliche Chaos ausgelöst. Angi Seitz – als Mia Knascht – demons-triert mit ihrem energiegeladenen Spiel, dass sie sich von ihrem Mann Erwin nichts gefallen lässt. Sie hat sich mit ihrer Nachbarin Karin verbündet – wunderbar sächselnd dargestellt von Anja Schweitzer –, die trotz ihres forschen Charakters für die leisen und nachdenklichen Töne sorgt, als sie das Weihnachtsfest aus der Sicht der einsamen Menschen betrachtet. Laut, knitz und skurril ist Klaus Mockel, Mias Vater, der mit seinen pfiffigen Einfällen seinen geizigen Schwiegersohn auf die Idee bringt, einen Tannenbaum zu stehlen. Bei jedem seiner Auftritte – ob im Nikolauskostüm, ob zivil gekleidet, ob im Schlafanzug oder in die Zeitschrift „Playboy“ vertieft – hatte Roland Kußmaul die vollste Aufmerksamkeit des Publikums und die Lacher auf seiner Seite.

Ein wunderbarer Schlagabtausch
nach dem anderen

Die Herzen der Zuschauer flogen dem Mimen zu, der sein Zimmer gegen Tante Käthe – „sie gehört zu den sieben Jahrhundertkatastrophen“ – verteidigen muss. Sabine Baumann alias Käthe liefert sich – als Erwins Erbtante und gleichwohl ungeliebter, aber umschwärmter Weihnachtsgast – mit Klaus bei diversen „téte à tétes“ einen wunderbaren Schlagabtausch nach dem anderen. Eindrucksvoll der Blickkontakt der beiden Kontrahenten, die auch vor verbalen Attacken nicht zurückschrecken. Ob im opulenten Pelzmantel – auch dies ein wunderbares Requisit, das perfekt ins Jahr 1974 passt – oder im lilafarbenen Bademantel, präsentiert die Mimin ihr intrigantes Spiel mit den Familienmitgliedern, hinter ihrer derben und fordernden Art ihre Einsamkeit perfekt versteckend.

Zwischen allen Stühlen sitzt Tochter Rosi – distanziert und gleichzeitig aufmüpfig gespielt von Saskia Schulz –, die mit dem Sohn von Förster Karl liiert ist und gerne „das Fest der Liebe“ bei ihrem Freund verbringen würde. Heinz Brueggmann spielte sich als Förster in die Herzen der Zuschauer und hatte die Aufgabe, die „Hauptfigur“ des Stücks, die allerdings nicht auf der Bühne stand, in den Fokus zu rücken und genauestens zu beschreiben: Bruno, das gefährlichste und größte Wildschwein, das in der Weihnachtsbaumschonung sein Unwesen treibt und vor Weihnachtsbaumdieben keineswegs zurückschreckt.

Ehe sich das Weihnachtschaos in Wohlgefallen auflöst und ein geläuterter Geizhals mit Champagner statt mit billigem Sekt anstößt, vergehen zwei turbulente Stunden mit einem bestens aufgelegten Ensemble, das sich durch eine enorme Spielfreude auszeichnet. Die Mimen sind wunderbar aufeinander eingespielt. Und so kam Souffleuse Doris Weiß nur beim Abschlussapplaus zum Einsatz.

Das begeisterte Publikum atmete am Ende des Theaterstücks gleich doppelt auf: Zum einen lösten sich die Probleme und Streitigkeiten bei Familie Knascht am Ende in Wohlgefallen auf, und zum anderen ist „im wirklichen Leben“ Weihnachten glücklicherweise noch ein paar Wochen entfernt.

Weitere Aufführungen können am kommenden Freitag, 8., und Samstag, 9. November, jeweils um 20 Uhr besucht werden. Die letzte Aufführung dieser Saison findet am Sonntag, 10. November, um 14.30 Uhr statt.

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Erstellt:
4. November 2019, 00:00 Uhr
Aktualisiert:
4. November 2019, 00:00 Uhr

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