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Nach 8704 Kilometern ein Sprung in den Baikalsee

In der Zehntscheuer in Entringen präsentierte der Filmemacher Heinrich Kern seinen Dokumentarfilm „Bei Bären klingeln“. Im Frühjahr 2016 startete der damals 30-jährige Student mit dem Rad von Tübingen aus nach Russland zum Baikalsee.

Nach 8704 Kilometern ein Sprung in den Baikalsee

Im Film erzählt der passionierte Radfahrer über seine Erfahrungen und Erlebnisse auf der 8704 Kilometer langen Reise, über unterschiedliche Straßenbeläge, über fantastische Landschaften, über seine zahlreichen Begegnungen mit Menschen, über die besondere Gastfreundschaft der russischen Bevölkerung, über Glücksgefühle und über die Strapazen seiner Tour.

Heinrich Kern verbindet mit dem Film den Wunsch, dem Publikum einen anderen Blick auf Russland und seine Menschen zu ermöglichen als jener, der derzeit in den Medien gezeichnet wird. Und das Interesse der Zuschauer ist sehr groß. Die Zehntscheuer ist bis auf den letzten Platz besetzt. Am Ende des Films stellt sich der anwesende Filmemacher bereitwillig den Fragen des fachkundigen Publikums in Entringen.

Begonnen hatte die spannende Tour bereits zwei Jahre vor dem Start. Der angehende Ingenieur für Elektrotechnik lernt zwei Semester lang Russisch, bemüht sich um die notwendigen Visa, erwirbt ein neues, sehr stabiles Rad, beschäftigt sich mit der zu fahrenden Route und erstellt eine Packliste. Im Gepäck befinden sich neben der Videokamera ein Zelt, Werkzeug, Schlauchflicken sowie ein ganzes Sortiment an Mückensprays, gegen die sich die Mücken jedoch allesamt als resistent erweisen. Summa summarum wiegt das Rad inklusive Gepäck 50 Kilogramm. Auf seiner Reise hat er kein Kamerateam dabei. Für die Aufnahmen nutzt er – neben einem Stativ – hilfsbereite Freunde und begabte Einheimische.

Dauerregen in Deutschland, Schneereste und Kälte in Polen

Bei Beginn seiner Tour hat Kern mit Wetterkapriolen zu kämpfen. Dauerregen in Deutschland, Schneereste und Kälte in Polen – schmerzhaft vermisst er hier Mütze, Schal und wärmende Handschuhe. Probleme mit der Achillessehne kommen dazu, die sich jedoch mit Salben und zwei Ruhetagen eindämmen lassen. Drei Wochen nach seiner Abfahrt erreichte der Radler Weißrussland. Neben großartigen Landschaftsaufnahmen zeigt der Film ein riesiges Spektrum an Straßenbelägen, zeigt Schlaglöcher, Betonpisten, Schotterstraßen, Sandwege, Schlammzonen und Furte, die bezwungen werden müssen, und den einzigen Radweg, der sich in Russland befindet – in Moskau, versteht sich.

Aber es sind die Begegnungen mit Menschen, die den Film so besonders machen. Heinrich Kern hat die Menschen teils auf Fahrradportalen kennengelernt und sich vor Ort mit ihnen verabredet, teils kannte er sie aus Deutschland – wie Alexandra, die ein Semester in Ulm studiert hatte und mit der er vier Tage verbringt. Am eindrücklichsten aber waren die Zufallsbekanntschaften, die sich auf der Reise ergaben und einen ganz besonderen und intensiven Eindruck in die Lebensumstände der Einheimischen und in das Land ermöglichen. So laden Bauarbeiter den Radfahrer spontan zu einer stärkenden Kartoffelsuppe ein, begutachten fachmännisch das Fahrrad und lachen über die Tatsache, dass Kern beabsichtigt, Bären mit der Fahrradklingel zu vertreiben.

Immer wieder bieten sich dem Reisenden Gelegenheiten, tief einzutauchen in die Lebenswirklichkeit der Menschen, die ihn bereitwillig bewirten, ihm Schlafgelegenheiten bieten und ihn ganz selbstverständlich an ihrem Leben teilhaben lassen. Gemeinsam mit seinen Gastgebern besucht er Straßenfeste, nimmt an einem Kindergartenfest teil, erlebt den Nationalfeiertag, wird für einen Fernsehsender interviewt und übernachtet in einer Datscha.

Zufällig ist auch die Begegnung mit Christian aus Berlin, der – per Rad – nach Neu Delhi unterwegs ist und mit dem sich Heinrich Kern eine Woche lang austauschen kann. Beide verbinden ähnliche Erfahrungen und dieselben Ängste um das Fahrrad, das selbst in der größten Einöde noch abgeschlossen und an das Zelt angekettet wird. Der eindrucksvolle Dokumentarfilm zeigt Kuriositäten wie Verkehrsschilder, die als Zielscheibe verwendet wurden, Kamele, die sich im Passgang gemächlich vorwärtsbewegen, ärmliche Häuser in den Dörfern auf dem Land, Prachtbauten und Paläste in den Städten, vermittelt einen Eindruck von der Stille der Taiga – pro Tag begegnen dem Reisenden nur zwei bis drei Autos – wilde Mülldeponien, die angezündet werden und mit ihrem beißenden Qualm das Atmen zur Qual machen und vieles mehr.

Und schließlich, nach über 8704 Kilometern ist das Ziel endlich erreicht. Der Baikalsee, das heilige Meer Russlands, mit 1642 Metern der tiefste und gleichzeitig der älteste Süßwassersee der Erde.

Mit einem beherzten Sprung in das kühle Wasser beendet Heinrich Kern diese erste Radtour nach Russland. Fasziniert von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen und der Landschaft, liebäugelt er mit einer weiteren Tour in den Norden Russlands.

Nach 8704 Kilometern ein Sprung in den Baikalsee
Heinrich Kern erlebte faszinierende Landschaften und zahlreiche Begegnungen mit Menschen GB-Fotos: gb

Heinrich Kern erlebte faszinierende Landschaften und zahlreiche Begegnungen mit Menschen GB-Fotos: gb

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Erstellt:
29. Oktober 2019, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 11sec

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