Projektförderung als Akt der Solidarität

„Gäubote“-Weihnachtsaktion: „Eine Welt mit Zukunft“ ist für Claudia Duppel, Geschäftsführerin des Dachverbands Entwicklungspolitik, über fairen Handel und globale Partnerschaften mehr als eine Utopie.

Jutta Krause

Claudia Duppel, Geschäftsführerin des Dachverbands Entwicklungspolitik im Land, ist tief mit dem Weltladen verwurzelt und verliert die Utopie von einer gerechten Welt nicht aus den Augen. GB-Foto: Schmidt

Claudia Duppel, Geschäftsführerin des Dachverbands Entwicklungspolitik im Land, ist tief mit dem Weltladen verwurzelt und verliert die Utopie von einer gerechten Welt nicht aus den Augen. GB-Foto: Schmidt

„Gäubote“: Frau Duppel, Sie sind seit 20 Jahren Geschäftsführerin des DEAB, des Dachverbands Entwicklungspolitik Baden-Württemberg, zuvor waren Sie mit Ihrem Mann im Niger und im Tschad in der Entwicklungszusammenarbeit. Wie sind Sie zum Thema Entwicklungspolitik und fairer Handel gekommen?

Claudia Duppel: „Die Hungersnot in Biafra hat mich als Teenager tief betroffen gemacht, das war meine erste Konfrontation damit, dass auf der Welt schreckliche Dinge passieren. Als später die Dürre in der Sahelzone kam, gab es in meiner kirchlichen Jugendgruppe die Aktion „Ein Baum für den Sahel“. Das Schöne daran war: Man konnte etwas tun. Man fühlt sich ja sonst so hilflos angesichts dieser Probleme. Das war für mich prägend, das Thema hat mich nie mehr losgelassen.“

Sie sind auch Weltladen-Kundin
der ersten Stunde?

„Als der Weltladen hier gegründet wurde, war ich noch Schülerin und habe mit meinem Taschengeld dort eingekauft. Für mich war das ein Ausweg aus dem Dilemma, dass es Länder und Menschen auf der Welt gibt, die ausgebeutet werden, weniger gute Chancen in ihrem Leben haben und deren Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Der Laden bot mir den Blick in die Welt und das Handlungsangebot: Wenn du hier was kaufst, wird der Produzent gerecht dafür entlohnt und bekommt eine bessere Lebensperspektive.“

Weltweite Gerechtigkeit und ein
menschenwürdiges Leben für alle – so ließe sich die Vision des DEAB, in dem auch viele Weltläden Mitglieder sind, kurz zusammenfassen: Was tun Sie,
um diesen Zielen näherzukommen?

„Als Dachverband sind wir für die Information und Beratung unserer Mitglieder zuständig, wir vernetzen all die kleinen Initiativen, die sich für globale Solidarität einsetzen und bieten zum Beispiel Fachberatung für Weltläden an. Wir konfrontieren Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit der zentralen Frage: Welche Auswirkungen haben eure Handlungen und Entscheidungen auf Menschen in anderen Ländern? Was müssen wir hier anders machen? Auch die Landesregierung muss hier globale Verantwortung übernehmen.“

Was ist für Sie als Geschäftsführerin
besonders wichtig?

„Die große Utopie, dass es keinen zerstörerischen Wettbewerb mehr gibt und auf der Welt alle die gleichen Rechte und Chancen haben, müssen wir nähren und am Leben erhalten. Mir ist wichtig, Menschen zu ermutigen und ihnen Handlungsalternativen zu bieten. Die Weltläden sind eine gelebte Alternative, ein Weg in die richtige Richtung. Sie sind Kristallisationspunkte für Menschen, die an der Utopie arbeiten, die einen anderen Handel wollen. Schließlich geht es darum, diese Utopie immer wieder an die Regierenden heranzutragen.“

Der Verein „Partnerschaft Dritte Welt“ stützt seine Arbeit auf die drei Säulen Weltladen, Bildungs- und politische Kampagnenarbeit und die Förderung von Partnern und Projekten im
globalen Süden.
Wie wichtig sind diese Arbeitsfelder?

„Der faire Handel ist ein wesentliches In-strument der Entwicklungszusammenarbeit und der entwicklungspolitischen Bildung. Produzenten und Händler arbeiten auf Augenhöhe zusammen – und beide Seiten profitieren davon. Der Weltladen bietet zugleich ein praktisches Handlungsangebot und hervorragenden Anschauungsunterricht, wie Handelsbeziehungen fairer und gerechter gestaltet werden können. Hier werden die Menschen hinter den Produkten sichtbar. Im Supermarkt interessiert sich niemand dafür, wer etwas hergestellt hat. Die zusätzliche Förderung einzelner Projektpartner ist ein Akt der Solidarität mit den Menschen und ihrem großen eigenen Engagement im globalen Süden.“

Was sind aus Ihrer Sicht derzeit
die drängendsten Themen in Sachen Entwicklungspolitik?

„Den Klimawandel aufhalten ist die oberste Prämisse. Wir müssen zudem die Länder dabei unterstützen, die Schäden zu kompensieren, die schon angerichtet wurden. Darüber hinaus ist es nach wie vor sehr wichtig, Wertschöpfungsketten in den Ländern zu unterstützen, nicht nur Rohstoffe von ihnen zu beziehen. Freihandelsverträge kritisch betrachten. Sie nutzen vor allem den Industrieländern zum Export ihrer Produkte, nicht den Ländern, deren eigener Aufbau von Wertschöpfungsketten dadurch verschlechtert wird.“

Wie beurteilen Sie die
unterschiedlichen Ansätze von
klassischer Entwicklungshilfe
und dem fairen Handel?

„Der Begriff Entwicklungshilfe geht gar nicht mehr! Er impliziert, dass es entwickelte und unterentwickelte Länder gibt – wobei wir zu den entwickelten zählen. Wir haben unsere Entwicklungsmodelle überall hin in die Welt exportiert – von Agrarindustrie über Massentierhaltung zum billigen Massenkonsum – dadurch hat die Ungleichheit stark zugenommen. Der faire Handel will dagegen keine Entwicklungshilfe leisten, sondern Gerechtigkeit und Fairness in den Handelsbeziehungen. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Außerdem muss Entwicklung auch hier stattfinden, nicht nur dort. Mit der Agenda 2030 der Vereinten Nationen wird klar: Alle müssen ihre Entwicklungsrichtung verändern – hin zu mehr Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit.“

Claudia Duppel (Jahrgang 1958) ist seit 2001 Geschäftsführerin des Dachverbands Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB). Sechs Jahre lang war die Sozialpädagogin mit ihrem Mann Martin Petry in der Entwicklungszusammenarbeit in Niger und im Tschad. Für den DEAB ist Claudia Duppel Mitglied im Rat für Entwicklungszusammenarbeit der Landesregierung, im Beirat der Nachhaltigkeitsstrategie BW und im Kuratorium der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg. Sie lebt mit ihrem Mann in Herrenberg und ist langjähriges Mitglied im Verein „Partnerschaft Dritte Welt“.

Eine Welt mit Zukunft

„Eine Welt mit Zukunft“: Die diesjährige „Gäubote“-Weihnachtsaktion in Kooperation mit dem Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ steht unter diesem Leitmotiv. Ziel ist die Unterstützung von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika insbesondere über den fairen Handel und das Engagement des Vereins „Partnerschaft für die Dritte Welt“, der zahlreiche Projekte in den Ländern der sogenannten Dritten Welt fördert. Diese Arbeit gilt es nachhaltig zu sichern. Deshalb unsere eindringliche Bitte: Helfen auch Sie mit, liebe Leserinnen und Leser des „Gäubote“, dass diese Menschen, deren Situation sich in der Corona-Pandemie noch verschärft hat, Solidarität und Hilfe erfahren.

Dem Arbeitskreis „Miteinander – Füreinander“ gehören neben Kirchen und Behörden auch Vertreter karitativer Einrichtungen und engagierte Bürger an. In den zurückliegenden drei Jahrzehnten spendeten die Menschen in Herrenberg und dem Gäu über 1,7 Millionen Euro für die einzelnen Weihnachtsaktionen – eine stolze Summe, für die wir uns herzlich bedanken.

Gerne veröffentlicht der „Gäubote“ auch bei dieser Weihnachtsaktion Ihren Namen und Wohnort, wenn Sie spenden – sowohl in der Printausgabe als auch auf dem Online-Portal www.gaeubote.de. Hierzu müssen Sie allerdings ausdrücklich Ihre Zustimmung geben. Bei Überweisungen, auf denen das Einverständnis nicht ersichtlich wird, verzichten wir auf die Namensnennung. Hierfür bitten wir um Verständnis. -gb-

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Erstellt:
16. Dezember 2021, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 07sec

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